Reise 1997

Freitag 04.Juli.1997
Ein dreiviertel Jahr Planung, Wartezeit und Vorfreude sind um.
Die Reisetaschen sind gepackt, heute ist es soweit.
Der Wecker hat uns aus einem unruhigen Schlaf gerissen.
Um 6:35 hat Brigitte schon die Brötchen geholt und
schmeißt unsere Kinder Ingo u. Ramona aus dem Bett. Nach dem
Frühstück sowie dem letzten Rundgang durchs Haus,
fahren wir mit dem Citroen um 7:45 Uhr zum Regionalflughafen
Münster.
Als wir eineinhalb Stunden später an der
Abfertigungshalle eintreffen, ist kein Kofferrolli mehr aufzutreiben.
Es scheint, alle Welt will in den Urlaub fliegen. Bis ich vom Parkplatz
komme, hat Brigitte doch noch einen Rolli ergattert und zusammen mit
den Kindern beladen.
Vor dem Eingang hat sich eine münsterländer
Kiepenkerl-Trachtengruppe aufgestellt. Es gibt musikalische
Ständchen, Metthäppchen, Korn und Aufgesetzten. Mir
wird ein Gläschen angeboten, ich sage nicht nein. Der Spender
wirbt für Urlaub im Münsterland. Diesmal nicht, wir
wollen etwas weiter weg.
Jetzt spricht mich ein anderer Mann an, stellt sich als Reporter der „Glocke" vor und bittet um ein kleines Interview. Wer, woher, wohin, wie lange? Ich gebe bereitwillig Auskunft. Erst im Abflugterminal fällt mir siedendheiß ein, das kann ja auch ein Trickbetrüger sein, der mich nur ausgehorcht hat um jetzt ungestört das Haus ausräumen zu können. Ich bin ganz von der Rolle, will sofort bei der Redaktion anrufen, aber in wenigen Minuten wird unser Flug aufgerufen. Aus Frankfurt rufe ich bestimmt an. Brigitte beruhigt mich später. Sie hat den Mann mit drei Kameraleuten auf dem Rollfeld gesehen. Es ist sehr warm heute, mir ist aber wärmer.
Mit zehn Minuten Verspätung starten wir um 10:35 Uhr
und schon vierzig
Minuten später landen wir in Frankfurt/Main.
Das ist ja wirklich ein riesiger Flughafen. Unsere Eurowing Maschine
rollt noch zehn Minuten bis zu ihrer Parkposition. Mit dem Bus fahren
wir anschließend zum Terminal A. Jetzt zum Abflugschalter
B28.
Nach wenigen Schritten spricht mich diesmal eine Frau an. Es geht um
eine Umfrage bei den Passagieren. Ich bin wild entschlossen, keine
persönlichen Daten mehr zu nennen, aber die sind auch nicht
gefragt. Es interessiert nur Abflughafen, Zwischenstop, Ziel,
Zeitdauer, Fluggesellschaft und wie gebucht. Na ja, das geht ja noch.
Jetzt aber die Beine in die Hand und mal rechts dann links dann wieder
links..... Ramona verlangt schon Kilometergeld. Endlich angekommen. Da
wir schon in Münster bis Vancouver eingecheckt haben,
können wir durchgehen.
In sechs Gruppen werden die Passagiere aufgerufen in das Flugzeug zu gehen. Es passen knapp 400 Personen in den Jumbo, mit all dem Gepäck, der Verpflegung, dem Treibstoff, ist es kaum zu glauben, daß sich dieser schwere Vogel in die Luft erheben kann. Aber genau das tut er um 13:25 Uhr. Erst Richtung Rüdesheim, dann nach Norden über Gütersloh und Hamburg. Hier haben wir unsere Reiseflughöhe erreicht. Weiter geht es über Esbjerg, die Westküste Norwegens, den Nordatlantik, Island, Grönland, ( Eis und Schnee soweit das Auge reicht ), Labrador, die Nordküste der Hudson-Bay, die Nord-West-Territorys, die Rocky-Mountains, nach Vancouver. Nach einer Schleife über der Stadt, die Ankunft um 13:35 Uhr Ortszeit. Auf dem Display ist es zehn Minuten später als in Frankfurt und 22° Celsius.
Zum Flug: Neun Stunden keine Langeweile. ( Die Kinder sehen
das anders ). Ein ausgezeichneter Service verwöhnte uns. Erst
gab es etwas zu trinken und zu knabbern. Etwas später dann
Mittagessen bzw. Abendessen. Zwischendurch hat man Zeit zum Lesen, zum
Fernsehen oder um aus dem Fenster zu schauen. Auf dem Hin und
Rückflug haben wir die Plätze 55H, 55J und 56H, 56J.
Das sind die letzten zwei Reihen mit je zwei Plätzen auf der
rechten Seite im Heck.
Es war für uns alle der erste Transatlantikflug.
Das Flughafengebäude in Vancouver ist sehr großzügig und modern. Nachdem die Kontrollen passiert sind, telefoniert Ingo mit dem Hotel und ordert den Shuttlebus. Um 15:15 Uhr sind wir im Hotel „Quality-Inn", ca. sieben Kilometer vom Flughafen entfernt. Nachdem das Gepäck auf dem Zimmer ist, nehmen wir den Stadtbus in die City.
Die „Hauptstraße" von Vancouver ist eine sehr dreckige und heruntergekommene Straße. Bettler und Stadtstreicher an jeder Ecke. Wenn man aber unter die Erde geht ist man plötzlich in einer Welt aus Marmor und Glas, sauber und überwacht. Zwei unterschiedliche Welten, man wird nachdenklich. Diese wettergeschützte Einkaufspassage verbindet die einzelnen Tower miteinander und man kann von einem Shop zum anderen, von einem Center in das nächste flanieren.
An der Wasserfront am Pier, einem Center mit Segeltuchdach,
sehen wir den landenden und startenden Wasserflugzeugen zu. Wenn sie
einschweben ist das nicht spektakulär, aber beim Start
produzieren sie einen Höllenlärm.
Später in Gastown hören und sehen wir, wie die
Dampfuhr mit ihren vier Pfeifen „Üb immer Treu und
Redlichkeit" flötet.
Um 20:30 Uhr sind wir wieder im Hotel und fallen förmlich ins
Bett. Aber vier Stunden später sind Brigitte und ich schon
wieder wach. In Deutschland ist es jetzt nämlich 8:30 Uhr.
Unsere innere Uhr ist noch nicht umgestellt.
Samstag 05.07.97
Dem Hotel ist ein Restaurant angegliedert, dort
frühstücken wir. Waffeln mit Spiegelei und reichlich
Kaffee. Ingo verdrückt drei Pfannkuchen mit Sirup.
Für die Kinder gibt es einen wirklich leckeren Orangensaft. 35
Dollar gehen über den Tisch.
Jetzt hat sich der Himmel zugezogen und ein mächtiges Gewitter
entlädt sich. Bei diesem Wetter können wir nicht in
die City, also warten wir im Hotel auf unseren Shutlebus zum
Wohnmobilvermieter. Am Nachmittag bekommen wir das Gefühl, wir
seien vergessen worden. Ich rufe noch einmal an. „Noch ein
bißchen Geduld der Bus ist unterwegs". Um 15:00 Uhr, wir
sitzen seit dem Morgen im Foyer herum, ruft die Dame von der Rezeption
noch einmal an. Endlich um 16:00 Uhr fährt der Bus vor.
Hektik, für uns ist noch Platz im Bus, aber nicht für
das Gepäck. Der Fahrer räumt den Gepäckraum
ganz leer und packt noch einmal neu. Das ist Zentimeterarbeit bis alles
verstaut ist. Ein Holländer hat sogar sein Fahrrad dabei.
An der Grenze Kanada / USA müssen wir aus dem Bus, die
Einreiseformulare vorlegen und die Visagebühren von sechs
Dollar pro Person bezahlen. Eine viertel Stunde später rollt
der Bus auf den Hof der Verleihstation in Bellingham. Es werden sieben Recreation-Vehicles
bzw. Motorhomes übergeben, sie werden hier „aR wie"
genannt. Chaos hoch drei, alles schnell, schnell, schnell. Gestern war
hier Nationalfeiertag, dadurch hat sich zeitlich einiges verschoben und
die Leute wollen jetzt Feierabend haben. Wir bekommen unser Fahrzeug
zuletzt. 
Es ist über 7 Meter lang, 2,44 breit und 3,66 Meter hoch.
(Incl. Aircondition-Box)
Als die großen Plastikbeutel mit der Bettwäsche und
dem Geschirr usw. im RV liegen, kommt die Lautsprecherdurchsage man
möge doch bitte den Hof verlassen und draußen
einräumen. Das Tor wird jetzt abgeschlossen. Im Wohnmobil
herrscht ein totales Durcheinander aus Gepäckstücken
und Ausrüstung. Es ist jetzt 19:00 Uhr und wir fahren erst
einmal zum Supermarkt, einkaufen. Anschließend wird
aufgeräumt und das Essen bereitet. Wir haben seit dem
Frühstück nichts mehr gegessen und entsprechend
Hunger. Jemand entdeckt, daß uns ein Personenkit zu wenig
eingepackt wurde. Decken, Besteck, Teller etc. Na ja, irgendwie werden
wir alle satt, keiner muß vom Boden essen. Dann
zurück zur Station. Natürlich niemand mehr da, somit
übernachten wir hier vor dem Tor. Nachtruhe ist um 22:40 Uhr
aber um 4:40 Uhr auch schon wieder vorbei. Unsere innere Uhr will die
neue Zeit noch nicht annehmen.
Sonntag 06.07.97
Gefrühstückt wird um 7:00 Uhr. Eine Stunde
später kommen die Mitarbeiter der Station. Um 8:20 Uhr haben
wir die fehlenden Teile und versorgen uns noch einmal beim Supermarkt.
Anschließend fahren wir auf der Interstate No. 5 Richtung
Norden. An der Grenze wieder rechts raus, in das
Imigrationsbüro, Papiere vorlegen, Fragen beantworten, woher,
wohin, warum, wie lange? Du meine Güte, so etwas sind wir in
Europa gar nicht mehr gewöhnt. Vancouver City haben wir auf
dem Highway umfahren und sind jetzt um halb zwölf
nördlich des Burrard Inlet in Westvancouver. Auf dem Highway
99, der sogenannten Nugget Route, fahren wir ins Landesinnere. Anfangs
immer am Fjord entlang, den wir am Freitag mit dem Flugzeug
überflogen haben. Pause am Porteau Cove. Wie in Norwegen! An
der alten Landungsbrücke wurde ein Tauchparadies angelegt, mit
zum Teil absichtlich versenkten Schiffen. Bei herrlichem Sonnenschein
Picknick auf dem Parkplatz mit Tisch und Bank. Gerade jetzt kommt ein
Zug auf der Trasse zwischen Ufer und Straße vorbeigebummelt.
Brigitte und Ramona zählen mit: Vorne zwei große
Loks dann 54 Waggons, doppelt so hoch wie bei uns, dann wieder eine Lok
und noch einmal 28 Waggons. Ein Mammutfrachtzug. Später merken
wir, das ist hier normal.
Auf der halben Strecke bis Squamish passieren wir den Shannon Falls Provincial Park. Der Shannon Creek stürzt hier über achtzig Meter in die Tiefe. Von unten gesehen, ein imposantes Schauspiel.
Vorbei am Alice Lake und am Daisy Lake erreicht man Whistler.
Die Whistler Region ist das bekannteste Skigebiet in British Columbia.
Dort ist alles auf den Wintersport ausgerichtet. Wir halten nicht an,
sondern fahren weiter um in Pemberton auf die Duffey Lake Road
abzubiegen. Eine landschaftlich wunderschöne Strecke.
Die ersten Indianeransiedlungen liegen links und rechts der
Straße. Für uns ist dieser Anblick wie ein Schock.
Um fast jede Hütte breitet sich ein Autoschrottplatz aus.
Ausgediente Gerätschaften, von der Waschmaschine über
Sessel bis zum Fernseher, liegen im hohen Gras. Ich denke, auch wenn
man arm dran ist und von Sozialhilfe lebt, muß man nicht
über Müllberge steigen um zur Eingangstür zu
gelangen. Obwohl die Ureinwohner finanziell nicht auf der Sonnenseite
des Lebens stehen und das auch nicht zu übersehen ist, sind
die Zustände hier besonders heftig. Manche Behausungen
bestehen aus Lastwagenaufbauten, zum Teil mit Plastikplanen benagelt.
Mir kommt unwillkürlich der Gedanke an die bitterkalten
Winter. Brigitte meint „In solche Hütten jagt man ja
nicht einmal einen Hund".
Die Umwelt ist aber intakt. Bieber bauen in den Bächen ihre
Dämme. Der Boden ist fruchtbar und die Vegetation
üppig und grün, hier an den Westhängen der
Küstengebirge gibt es reichlich Niederschläge. In
anderen Gebieten wurden die Indianer in Reservate gezwungen die eine
wesentlich schlechtere Lebensgrundlage bieten.
Später windet sich die Straße in steilen Serpentinen
in die Höhe. Der 7,5-Liter-Motor zieht die
fünfeinhalb Tonnen Gewicht unseres Wohnmobils problemlos
hinauf. Hier beginnen die ersten Schotterstrecken, die sogenannten
Gravel Roads.
Ein Wort zum amerikanisch/kanadischen Straßensystem: Die
großen (mindestens vierspurigen) Hauptstraßen die
quer durch das Land oder einen Staat führen, heißen
Interstate Highways oder Freeways. Sie sind mit unseren Autobahnen
vergleichbar. Bei der Orientierung ist die Nummerierung in Verbindung
mit der Himmelsrichtung wichtiger als Ortsnamen. An den Auffahrten
sieht man z.B. 80 E oder 80 W. Interstates mit geraden Nummern (80)
verlaufen in der Generalrichtung Ost-West, die mit ungeraden Nummern
entsprechend Nord-Süd. Die US- oder State and Provincial
Highways sind die weiteren Hauptverkehrsadern. In absteigender
Reihenfolge kommen nun Secondary State, Provincial and County Highways
bzw Roads. Es sind zweispurige Landstraßen und in der Regel
asphaltiert. Bei geringer Verkehrsdichte können die
Straßen auch zu Gravel Roads werden. Das sind
Schotterstraßen die bei Trokenheit arg stauben und bei
Nässe sehr rutschig sein können. In beiden
Fällen verdrecken die Fahrzeuge besonders stark und die
Steinschlaggefahr ist groß.
Am Duffy Lake vorbei folgt die Straße dann dem
Cayoosh Creek. Direkt am Ufer des reißenden Flusses befindet
sich ein toller Campground, sehr urig. Wir sind die einzigen Besucher.
Jetzt wird der Backofen angeheizt, ist gar nicht so einfach mit dem Gas
und der Regelung. Nun die Pizza hinein, nach wenigen Minuten qualmt es
schon und der Rauchmelder jault ohrenbetäubend los. Schnell
die Pizza herausgerissen. Oben ist sie gut aber unten schon sehr
dunkelbraun. Man kann sie aber noch essen. Bei der zweiten wird
aufgepaßt und siehe da, sie schmeckt doch wesentlich besser.
Dann haben Ingo und ich ein Lagerfeuer entfacht. Er war aber sehr
müde und ging, wie der Rest der Familie, ins Bett. So habe ich
mich alleine räuchern lassen.
Montag 07.07.97
Brigitte
wird um 8:30 Uhr wach, meine Güte, einmal rund um die Uhr
geschlafen. Die Nacht war sehr kalt. Ingo und Ramona haben gefroren.
Brigitte hat als Mückenfutter gedient. Fünf Stiche
zählt sie. Heizung an, dann duschen und
frühstücken.
Start um halb elf Uhr Richtung Lillooet. Es ist eine wunderbare Strecke
durch Wälder und Schluchten. Der Himmel.ist bewölkt,
das Wetter aber trocken. Auf einem Paß schauen wir
Holzfällern zu, die an dem gegenüberliegenden
Steilhang Bäume fällen und sie gleich mit einer
Seilbahn abtransportieren. In Lillooet wird getankt, 113,75 Liter
für 67.- Can $. Aus dem Reiseführer wissen wir,
daß in diesem Ort ein deutscher Bäcker sein soll.
Auf die entsprechende Frage, zeigt der Tankwart auf die
gegenüberliegende Straßenseite. In einem
unscheinbaren Holzhaus ist die Bäckerei. Wir decken uns
großzügig mit Backwaren ein. Das Brot und die
Berliner schmecken wie zu Hause.
Da wir keinerlei Pannenwerkzeug haben, kaufe ich für alle
Fälle einen großen Kreuzschlüssel und eine
Bügelsäge. Ich denke da an Baumstämme und
die
Hebelgesetze, wenn wir schon keinen Wagenheber haben. Im
Reisegepäck sind noch ein Kilo Kleinteile die wir von zu Hause
mitgebracht haben, Schraubendreher, Zange, Spannungsprüfer
usw.
Ich meine, wir sind jetzt gerüstet.
Hier im Regenschatten der Coast Mountains ist jetzt eine ganz andere Landschaft. Verwitterung, mürber Fels, trockene Moränen, Wassermangel. Es riecht nach Kräutern wie in der Provence. Vereinzelt sieht man Ingwerfelder.
Und dann, auf einer Gefällestrecke, leuchtet die ABS-Kontrolleuchte auf um nicht wieder zu verlöschen. Jetzt hilft mir aber meine Werkzeugvorsorge nichts. Ich suche zwar die Räder nach lockeren Kabeln der ABS-Sensoren ab, kann aber nichts finden. Auf die Bremswirkung hat diese Sache aber offenbar keinen Einfluß. Nach einigen Bremsproben fahren wir weiter. Im nächsten Ort telefonieren wir mit der Hotline von „El Monte RV-Vermietung". Man beruhigt uns. Es sei offenbar ein Sensor defekt, aber wenn die Bremswirkung gut ist können wir weiterfahren. Die Landschaft wird immer flacher und grüner, wie in Schweden. Uns fällt auf, daß wir oft Vergleiche ziehen.
In Wiliams Lake werden noch schnell zwei Aluschalen gekauft, denn die Chicken sollen im Backofen gebacken werden. Auf der Weiterfahrt wird nach einem Übernachtungsplatz Ausschau gehalten. Ein schöner Rastplatz direkt neben dem HW 97 lädt uns ein. Genau gegenüber einem kommerziellen Campingplatz. Das ist auch der Grund für das Übernachtungsverbot. Das Mobil wird geparkt. Backofen an, Hähnchenkeulen rein, aber es dauert noch bis 21:40, ehe das Essen fertig ist. Das Spülen unterbleibt nach dem Abendessen, statt dessen wird das Geschirr nur schnell in die Spüle gestapelt und wir starten wieder.
Als wir das nächtliche Quesnel hinter uns haben, wird nach einem Standplatz Ausschau gehalten. Nachtruhe um 23:10 auf einem Rest-Area, nach über vierhundert gefahrenen Kilometern. Es regnet in der Nacht.
Dienstag 08.07.97
Kurz
vor
8:00 Uhr krabbeln wir aus den Federn. Nachdem wir
gefrühstückt und den „Hausputz" erledigt
haben, rollt unser RV auf dem HW 97 wieder nach Norden.
Um 9:30 Uhr schleudert uns ein entgegenkommendes Wohnmobil eine Ladung
Dreck vor die Windschutzscheibe. Es kracht. Nachdem die
Scheibenwaschanlage wieder für freie Sicht gesorgt hat sehen
wir das daumennagelgroße Loch direkt im Sichtbereich des
Fahrers. Schei...benkleister. Glücklicherweise ist die Scheibe
nicht durchschlagen, nur das äußere Verbundglas ist
zerstört.
Prince George ist ein wichtiges Versorgungszentrum im
nördlichen British Columbia und hat einen riesigen
Einzugsbereich. Dementsprechend groß und geschäftig
ist diese Stadt. Auch wir nutzen die Möglichkeiten, tanken und
tätigen einen Großeinkauf. Nachdem die Lebensmittel
und Jeans etc. verstaut sind, geht es um 13:15 Uhr weiter. Ab Prince
George hat die Besiedlung entlang des Highway abrupt
aufgehört. Statt dessen links und rechts Seen und sumpfige
Bereiche mit seltsam kerzenförmigen, aber sehr oft
abgestorbenen Bäumen. Der Himmel ist bewölkt mit
Aufheiterungen, die Temperatur bei 20° Celsius. Ankunft um
15:30 Uhr in der noch jungen Stadt Mackenzie. Sie wurde erst 1965
gegründet und liegt, erreichbar über eine
dreißig Kilometer lange Stichstraße, am Williston
Lake, dem größten Stausee Nordamerikas. Ein Grund
hierher zu kommen, ist unter anderem das Hallenbad mit Sauna und
Whirlpool. Einmal die Hauptstraße rauf und runter zwecks
Orientierung. Wo ist der Campingplatz, wo das Hallenbad?
Anschließend über eine sieben Kilometer lange
Gravelroad zum Williston Lake. So schlimm die Anfahrt zum See auch war,
es hat sich gelohnt. Ein herrliches Plätzchen, mit
Picknikmöglichkeit, aber Übernachtungsverbot. Wir
sind allein an diesem schönen Fleckchen namens Mackenzies
Landing. Dieser Pionier soll im letzten Jahrhundert, bei seiner
Durchquerung Nordamerikas von Ost nach West, hier entlanggezogen sein.
Am Abend geht’s zurück zum Hallenbad und hinein in
die Fluten. Nachtruhe ist dann um 22:00 Uhr auf dem Campingplatz am
Ortsrand von Mackenzie. Auch in dieser Nacht fallen ein paar Tropfen
Regen.
Mittwoch 09.07.97
8:30
Uhr.
Sonnenschein von einem strahlend blauen Himmel weckt uns. Nach dem
Frühstück fahren wir noch einmal in den Ort zum
Fotografieren und Telefonieren. Halt, wo ist die Telefonkarte? Im
Portemonnaie. Und wo ist das Portemonnaie? Die ganze Familie sucht und
stellt das Mobil auf den Kopf. Ingo findet es dann in der Tüte
meiner neuen Jeans. Wie ist es da bloß hingeraten?
Jetzt können wir doch noch zu Hause anrufen.
Um 11:00 Uhr geht es wieder weiter, erst zurück auf
den HW 97 und dann Richtung Nordost nach Chetwynd. Heute ist wohl unser
Glückstag. Direkt an der Straße an einem Hang sehen
wir unseren ersten Schwarzbär. Wir drehen um, fahren
zurück, und können dem etwa zweijährigen
Tier bei der Futtersuche zuschauen. Der Bär dreht mit der
Vordertatze Steine um und schleckt dann die zum Vorschein kommenden
Insekten, Würmer und Schnecken auf. Einige Kilometer weiter
entdecken wir, während eines Fotostop`s an der Hangschulter
eines wunderschönen Tales, eine Elchkuh im Talgrund, bis zum
Bauch in einem Tümpel. Während unsere Augen, die
Kamera und das Fernglas nach unten gerichtet ist, bleibt ein
Pickup-Camper neben uns stehen. Ein älteres Paar steigt aus
und schaut auch in den Abgrund hinunter. Nach einigen Minuten fragt uns
die Frau im Flüsterton was wir denn beobachten. Fast ebenso
verschwörerisch erklären wir, daß unten ein
Elch im Wasser steht. Nachdem sie das Tier entdeckt, meint sie etwas
irritiert das sei doch gar kein „Elk" sondern ein
„Moose". Was lernen wir daraus? ein Moose ist ein Elch, ein
Elk ist aber ein Wapiti.
Bei der nächsten Tankstelle verschwinden 127 Liter Benzin im
Tank. Das entspricht knapp 25 Liter auf hundert Kilometer.
In Chetwynd wählen wir den reizvollen Hudson’s Hope
Loop, der uns auf den Alaska Highway führen wird. Unterwegs
besuchen wir den gewaltigen Bennett Damm, 183 Meter hoch und 2000 Meter
lang. Er staut den Peace River zum Williston Lake auf und sperrt ein
Wassereinzugsgebiet von der Fläche Irlands ab. An eine
Fischtreppe hat man aber nicht gedacht. Ein Visitor Centre informiert
über Dammbau und Stromerzeugung. Wir beteiligen uns an einer
Führung durch die unterirdischen Turbinenhallen und den
Wasserdom, das ist die Felsenkammer die das Turbinenwasser aufnimmt
bevor es in den Unterlauf des Peace River abfließt. Hier wird
ein drittel des Strombedarfs von British Columbia erzeugt.
Der weitere Weg verläuft durch das Peace River Plateau um dann
20 Kilometer vor dem Alaska Highway in Serpentinen steil bergauf zu
führen. Unterwegs sehen wir noch einige Rehe und erreichen um
19:05 Uhr in Fort St. John die ALCAN. ALaska-CANada Highway
heißt die offizielle Bezeichnung des Alaska Highway von
Dawson Creek, mit dem Milepost 0 (dem Startpunkt), bis Delta Junktion
in Alaska.
Auf den ersten vierhundert Kilometern bis Fort Nelson führt
die ALCAN oft schnurgerade von Horizont zu Horizont durch
hügeliges Waldgebiet. Links und rechts der Straße
wird ein Streifen von etwa zwanzig Metern von Bewuchs freigehalten.
Bagger mit Raupenketten, an deren Auslegerarm eine Mähmaschine
montiert ist, erledigen diese Arbeit. Dieser Streifen hat mehrere
Vorteile, erstens kann man Tiere, die über die
Straße wechseln, frühzeitig sehen,
außerdem werden die Telefonmasten und Stromleitungen in
diesem Bereich geführt und nicht zuletzt sind das die Trassen
der Gas-Pipelines. Es stinkt penetrant nach faulen Eiern. Es ist so
viel Gas in der Luft, daß ich es nicht wagen würde,
ein Streichholz zu entzünden. Die wenigen Schotterwege, die
von der ALCAN abzweigen, sind alle gesperrt. Die großen
Energiekonzerne haben ihre Hand auf diesem Gebiet. Ehemalige
Campgrounds sind verschwunden und Parkplätze gibt es auch
nicht. Um 20:25 Uhr parken wir auf einem Holzlagerplatz
nördlich von Wonowon. Zwei Minuten später ist unser
Fahrzeug von Moskitos eingehüllt. Brigitte stürzt
sich mutig in den blutrünstigen Schwarm, um Kartoffeln aus dem
Laderaum zu holen. Sie ist blitzschnell, nur ein Stich. Spaziergang
fällt heute Abend aus.
Donnerstag 10.07.97
Für
mich ist um 5:30
Uhr die Nacht vorbei, ich kann nicht mehr schlafen. Eine Stunde
später lasse ich den Motor an und fahre los. Die anderen
liegen noch in den Betten, aber auf dieser vom Frost aufgebrochenen
Straße ist während der Fahrt an Schlaf nicht mehr zu
denken. Brigitte setzt sich auf den Beifahrersitz und auch Ingo
klettert aus seinem Alkoven. Noch scheint die Sonne, doch die Wolken
werden immer dichter.
Die Straße führt, wie mit dem Lineal gezogen, bis
zum Horizont. Ich halte an, um ein Foto zu schießen. Kaum bin
ich ausgestiegen, stürzen sich die Mücken auf mich.
Um 8:15 Uhr erreichen wir den Campground Prophet River und fahren zum
Frühstücken auf den Platz. Das Fahrzeug steht noch
nicht richtig, da sind die Scheiben schon schwarz vor Moskitos. Hier
zelten einige Fahradfahrer, die dieser Mückenplage massiv
ausgesetzt sind. Einer von ihnen trägt eine Imkerhaube als
Gesichtsschutz. Spruch des Tages: "Die Herren des Landes sind die
Moskitos". Wir sind Gefangene in dem Wohnmobil, doch so schlimm ist es
später nie mehr gewesen. Fort Nelson erreichen wir um 10:50
Uhr, Brigitte ist enttäuscht von diesen simplen Zweckbauten.
Im Sommer Touristenetappe und ganzjährig Versorgungszentrum
für das Umland, erstreckt sich die Stadt links und rechts der
ALCAN. Die Geschäfte, Tankstellen, Motels und Restaurants
liegen an parallel verlaufenden Einbahnstraßen, die durch
einen Grünstreifen von dem HW getrennt sind.
Nachdem wir getankt und noch einmal eingekauft haben, u.a.
Steinschlaggitter für die Scheinwerfer, nehmen wir den HW
wieder unter die Räder. Die ALCAN wendet sich jetzt nach
Westen und geht die erste Gebirgskette an. Es folgen phantastische
Streckenabschnitte durch die Rocky Mountains und die
Flußtäler. In den Bergen muß man durch
kilometerlange Baustellenabschnitte. Der Verkehr wird eine halbe bis
eine Stunde lang angehalten. Wenn eine entsprechende Fahrzeugkolonne
zusammengekommen ist, setzt sich ein Pilot-Car mit gelbem Blitzlicht an
den Anfang und lotst die Kolonne durch die Baustelle. Auf der anderen
Seite dreht es und führt nach einiger Zeit den Gegenverkehr in
die andere Richtung. Die Frage: „Was ist so interessant am
Alaska Highway?" beantwortet Brigitte so: „Bist du in den
Rockys, bekommst du ein Pilot-Car vor die Nase, damit du die Berge gut
runter kommst. Ansonsten tolle Landschaft, hohe Berge und viel Platz."
Wir haben um 18:00 Uhr den Muncho Lake im gleichnamigen Nationalpark
erreicht und stehen auf dem Campground Strawberry, wunderschön
gelegen auf einer Halbinsel im jadegrünen See. Den Kaffee mit
Donuts haben wir uns verdient. Später macht Ingo ein
Lagerfeuer. Einsetzender Regen vertreibt uns in das Mobil. Licht aus um
22:15 Uhr.
Freitag 11.07. 97
Raus
aus den Federn um 7:30
Uhr. Zwei Stunden später starten wir Richtung Liard River,
einem kleinen Städtchen am mächtigen Fluß
gleichen Namens. Etwa einen Kilometer hinter der Brücke liegen
rechterhand die Liard Hot Springs, überaus populäre
klare heiße Quellen. Die Quellbecken liegen in
natürlicher Umgebung am Hang in einem Mischwald. Mit unseren
Badeutensilien unter dem Arm überqueren wir, kurz nach zehn
Uhr, auf Holzplankenwegen die unmittelbar hinter dem Parkplatz
liegenden Heißwassersümpfe. Rechts gehen! Der
Gegenverkehr ist erheblich. Man sieht, andere Leute stehen
früher auf und haben ihr Bad schon hinter sich. Als wir den
Wald erreichen, stürzen sich die Moskitos auf die
ungeschützten Hautpartien. Nur mit Shorts und T-Shirt
bekleidet, ist es nicht einfach sich der Plagegeister zu erwehren. Ein
Familienfoto mißglückt, weil alle Arme und Beine
herumzappeln. Der durchdringende Geruch nach faulen Eiern ist bald
nicht mehr zu ignorieren. Das untere, gut mit Kies ausgekleidete Becken
hat glasklares Schwefelwassser. Die starke Dampfentwicklung zeigt,
daß es sehr warm ist. Temperatur 60 ° Celsius, nein,
bei aller Liebe, das ist zu heiß. Nach weiteren fünf
Minuten bergan erreicht man ein ganz uriges Quellbecken, den Beta-Pool.
Der Holzplankenweg faßt es an zwei Seiten ein und drei
Holztreppen führen in das drei Meter tiefe, graugrüne
Wasser. Eine Umkleidehütte für Weiblein und eine
für Männlein ist der ganze Komfort in dieser Idylle.
Für Ramona ist es eine Überwindung in das Wasser zu
steigen. Auch wir anderen tasten uns mit „huch" und
„heiß!" von Stufe zu Stufe. Brigitte ist als erste
im Wasser. Mit uns sind noch vier ältere amerikanische
Ehepaare hier oben und die merken nun, wir sind from Old Germany. Das
ist jetzt die Sensation am Pool. Alle überschlagen sich vor
Freundlichkeit, wir werden nach allen Regeln der Kunst ausgefragt und
die Kinder antworten so gut sie können. Eine Amerikanerin
versucht vergeblich, mit Brigitte ins Gespräch zu kommen und
kann gar nicht verstehen, daß jemand kein Englisch spricht.
Das 50 Grad heiße Wasser und der Schwefelgeruch bereiten mir
nach kurzer Zeit arge Kreislaufprobleme und die Moskitos sind auch ein
Grund, daß wir uns schon bald umziehen. In der Kabine werde
ich von „Barny" interviewt. Ich radebreche was das Zeug
hält und nehme Hände und Füße zu
Hilfe. Später kommt Ingo und dolmetscht. Bis wir wieder am
Wohnmobil sind, habe ich einen Diafilm belichtet, und Brigitte wieder
sieben Moskitostiche mehr.
Es ist heute ein herrlicher heißer Tag, keine Wolke am
Himmel. Wir löschen unseren Durst und halten Siesta, denn alle
sind müde und mein Kreislauf braucht auch noch etwas Zeit.
Später nehmen wir den Highway wieder unter die Räder.
Er verläuft im Tal des Liard River, der etwa siebzig Kilometer
weiter enorme Stromschnellen entwickelt. Am sogenannten Whirlpool
Canyon fahren wir zum Fotostop auf einen Do-it-yourself
Campsite. Das ist ein Zwischending von Camping- und
Parkplatz. Hier macht der Fluß einen Schlenker und direkt in
der Krümmung liegt noch eine Felseninsel. Das Wasser tost und
schäumt. Dabei ist jetzt ein niedriger Pegel, wie man an den
Ufern und den angeschwemmten und
übereinandergetürmten Bäumen erkennen kann.
Eine Touristin bietet sich an, ein Familienfoto zu
schießen, damit wir mal alle zusammen auf`s Zelluloid gebannt
werden.
Die Straße wechselt jetzt einige Male zwischen den Provinzen
British Columbia und dem Yukon Territory. Auf einer Anhöhe
stoppt uns wieder einmal ein Straßenposten vor einer
Baustelle. Wir stehen vorerst als einzige hier und sollen eine halbe
Stunde warten. Das wird eine Eispause, denn unser Gefrierschrank
beherbergt auch solche Köstlichkeiten. Der
„Flagman", in diesem Fall ein Schüler der in der
Hitze sein Stopschild halten muß, wird natürlich
eingeladen. Es dauert nicht lange bis sich etliche Wohnmobile und
Wohnwagen hinter uns aufreihen. Unter ihnen auch die Fahrzeuge von
unseren Bekannten vom Schwefelpool. Dort wird das Autoradio aufgedreht
und Barny legt mit seiner Partnerin eine flotte Sohle auf den Asphalt.
Dann kommt, man kennt es schon, das
Pilot-Car und
geleitet uns durch die Baustelle.
Mit Watson Lake erreichen wir den ersten Ort im Yukon Territory. Er ist im Umkreis von fast dreihundert Kilometern der einzige Ort mit einer kompletten Versorgungsinfrastruktur, vom Waschsalon bis zum Supermarkt. Bekannt ist Watson Lake durch die Signposts. Das sind Masten, an die Besucher aus aller Welt Wegweiser, Autonummern, Orts- und andere Schilder genagelt haben. Angefangen hat es 1942 mit dem ersten, von einem Soldaten eines Pionierbatallions, angenagelten Schild. Mittlerweile ist die Sammlung auf über 25 000 angewachsen, und täglich werden es mehr.
Unser rollendes Heim wird aufgetankt. An einer
öffentlichen Dump-Station entleeren wir die Abwassertanks und
ergänzen unseren Frischwasservorrat. Um 18:00 Uhr geht es
weiter. Nach ca. zwanzig Kilometern biegen wir auf den, nach
Süden führenden, Cassiar Highway ab. Der
nördlichste Punkt unserer Reise liegt hinter uns. Um 20:00 Uhr
haben wir den wunderschönen Boya Lake erreicht. Auf dem
gleichnamigen Campground am Seeufer werden wir übernachten.
Während das Essen bereitet wird, gehe ich raus zum
Fotografieren.
Der nördliche Abendhimmel zaubert ein weiches Licht
auf die schimmernde Oberfläche dieses glasklaren Sees. Es
sieht traumhaft aus.
Unsere heutige Tagesetappe war 395 Kilometer.
Samstag 12.07.97
Heute
stehen wir erst um 9:00
Uhr auf. Brigitte zählt schon wieder neue
Mückenstiche. Nach einem kräftigen
Frühstück mit Spiegelei, verlassen wir diesen
schönen Platz. Er hat 9,50 CAN$ gekostet, Feuerholz
eingeschlossen.
Es ist bewölkt, als wir in Jade City anhalten. Der Ort besteht
nur aus sechs Häusern, das größte ist ein
Jade-Store. Hier werden tonnenschwere Jadebrocken zersägt und
zu Schmuck und Souvenirs verarbeitet, die Maschinen stehen unter freiem
Himmel. Brigitte und Ramona kaufen sich im Store je einen Jadering.
Später fahren wir an der Abzweigung zum
Minenstädtchen Cassiar vorbei. Diese Straße ist
gesperrt, der Ort seit zwei Jahren eine Geisterstadt, Zutritt verboten.
Der Bergbau, von dem dieser Ort lebte, wurde aufgegeben.
Mit gemischten Gefühlen erwarten wir die
angekündigten zweihundert Kilometer Gravel Road. Die kommen
dann auch. Es sind nur etwa hundertfünfzig Kilometer, die
haben es aber in sich. Das Fahrzeug und wir werden zeitweise brutal
durchgeschüttelt. Die harten Blattfedern geben die
Waschbrettstöße fast ungedämpft weiter. Auf
diesen Gravel-Abschnitten sind die Brücken nur einspurig. Vor
einer dieser Brücken steht in Gegenrichtung ein Truck mit
einem Fertighaus auf dem Tieflader. Da das Haus breiter als die
Brücke ist, verhindert das Geländer die Weiterfahrt.
Zwei Männer mühen sich mit einem Wagenheber ab, das
Haus Stück für Stück anzuheben und
Holzpaletten unterzuschieben, bis man über
Geländerhöhe ist. Hinter der Brücke dann
alles wieder retour.
Die Straße führt, nach durchqueren der Cassiar
Mountains, eingefaßt von den hohen Gebirgsketten der Coast
Mountains im Westen und der Skeena Mountains im Osten, durch bewaldete
Täler weiter südwärts. Diese Gegend ist als
Bärengebiet bekannt, daß wir aber heute sieben
Schwarzbären sehen würden, hätten wir uns
nicht träumen lassen. Die Straßenschneisen durch den
Wald bringen Licht auf den Boden. Auf den freigeräumten
Seitenrändern wächst Gras und Klee, am Waldrand
stehen Beerensträucher. Das alles wird von den Bären
sehr geschätzt und sie grasen wie die Kühe ohne sich
von den Fahrzeugen, die hin und wieder vorbeifahren, stören zu
lassen. Wir halten knapp zwei Meter neben einem jungen Tier an. Ramona
schiebt das Seitenfenster zurück und lehnt sich zum
Fotografieren hinaus. Nach dem dritten Bild, schiebt sie das Fenster,
mit den Worten: „Das Vieh stinkt ja
gräßlich," hastig wieder zu. Der Bär ist
von einer Mückenwolke umgeben, was ihn offenbar nicht
stört.
Es ist 20:30 Uhr als wir den Meziadin Lake Park erreichen. Die schlimme
Strecke liegt hinter uns, abgesehen davon sahen wir eine
großartige, fast unberührte Landschaft. Und dann auf
dem Campground schlägt Ingo seiner Mutter versehentlich die
Wohnmobiltür an den Kopf, die sieht jetzt auch noch Sterne.
Sonst macht er nichts zu, aber wenn doch..... Brigittes Beule wird
immer größer.
Sonntag 13.07.97
Wir
haben gut geschlafen,
obwohl die Bären-Lebendfalle, etwa hundert Meter von unserem
Standplatz entfernt, uns eindringlich erinnert, daß dieser
Ort von Meister Petz besucht wird. Es regnet, als wir aufstehen. Eine
gute Gelegenheit, den Dreck der Schotterstraßen abzuwaschen,
denn er ist ja schon aufgeweicht. Mit einem Eimer Wasser, dem ein
Spritzer Spülmittel beigefügt ist, und Schwamm steige
ich auf das Fahrzeugdach. Jetzt sieht man erst, wieviel Staub wir
aufgesammelt haben. Bei den Scheiben und Seitenflächen mache
ich gleich weiter, da kommt aber auch schon ein Parkwächter
vorbei. Stop, Stop, Auto waschen ist streng verboten, allenfalls die
Scheiben dürfen gereinigt werden. Er erklärt uns,
daß das Waschwasser in den Boden eindringt und die Umwelt
verseucht. Unter Umständen müßte der Boden
entsorgt werden. Das ist wirklich ein Witz, wenn man die
Müllkippen auf Privatgrund sieht, auf denen
Sperrmüll, Autowracks und Kühlschränke vor
sich hingammeln. Dort wäre ein weites Feld für
Umweltschutzaktivitäten, aber Privatgrund ist ja tabu. Nichts
liegt uns ferner als die Umwelt zu schädigen, also verkneife
ich mir das Nachspülen der Scheiben. Als ich mich
abspülen will, versagt unsere Dusche den Dienst, es kommt kein
Wasser. Heute hat sich aber auch alles verschworen.
Wir überlegen, einen Abstecher nach Stewart zu unternehmen.
Dieses Städtchen hat einen Fährhafen und liegt am
Portland Canal. Dieser ist ein tief ins Landesinnere reichender Fjord,
der gleichzeitig die Grenze zum Südzipfel Alaskas bildet. Das
wäre eine Gelegenheit einen kurzen Abstecher nach Alaska zu
unternehmen. Weit würden wir allerdings nicht kommen, denn
nach zehn Kilometern endet die Straße in Hyder. Die Familie
entscheidet sich aber, die Fahrt nach Südosten, Richtung
Hazelton, fortzusetzen.
In Kitwancool bietet sich die erste Möglichkeit,
Totempfähle der Ureinwohner zu besichtigen. Diese
Pfähle, mit einer Länge von zwei bis zwölf
Metern und einem Durchmesser von vierzig bis achtzig Zentimetern, sind
mit einer bewundernswerten Präzision geschnitzt. Sehr
ausdrucksstark. Vor allem die Augen der Fabelwesen haben mich sehr
berührt. Nach etwa dreißig Kilometern biegen wir bei
Kitwanga auf den HW 16 ein. Er wird Yellowhead Highway genannt, nach
dem Trapper Pierre Bostonais der den Spitznamen Téte Jaune
(Yellowhead) trug. Die Straße hat eine Gesamtlänge
von 2650 km, und führt von Winnipeg an den großen
Seen, über Edmonton in Alberta, den Jasper Nationalpark in den
Rocky Mountains, bis Prince Rupert, nicht weit von hier an der
Pazifikküste. Wir werden auf ihr bis Jasper fahren.
Bei Hazelton besichtigen wir das Ksan Historic Indian Village, den
authentischen Nachbau eines Dorfes der Gitksan Indianer. Hier ist auch
eine Schnitzschule beheimatet, die dem indianischen Nachwuchs das Erbe
und die Fertigkeiten der Vorfahren vermitteln soll. Es ist schon 16:00
Uhr als wir zu Mittag essen. Anschließend wird die
Straße wieder unter die Räder genommen, wir fahren
und fahren. Als wir durch den Ort Fraser Lake kommen, etwa
hundertfünfzig Kilometer vor Prince George,
beschließen wir, einen Campingplatz zu suchen. Bei der
Tourist-Information sticht uns ein Werbeplakat ins Auge, das ein
„Ressort" mit Duschen anpreist. Die Suche führt uns
ein Stück zurück und dann weitere zehn Kilometer
abseits des Highways an den Francois Lake. Dort liegt der Campingplatz
„Nithi on the Lake". Als Ingo und ich die Rezeption betreten,
telefoniert die Frau hinter dem Tresen gerade im urigen
Schwyzerdütsch mit Ihrem Sohn. Dieser ist auf einer Radtour,
von Fairbanks in Alaska nach Fraser Lake BC, gerade in Watson Lake
eingetroffen, wie sie uns erzählt.
Der Platz gehört ihr und ihrem Mann, die sich damit in Kanada
eine neue Existenz aufbauen. Das Areal liegt wunderschön an
einem Südhang entlang des Seeufers. Jetzt am Abend plagen aber
wieder die Moskitos. Das Sanitärhaus ist einfach, aber sauber
und wir können duschen soviel wir wollen. Hier bleiben wir, es
ist 21:15 Uhr. Kurz vor 23:00 Uhr rufen wir zu Hause an. Dort ist
Frühstückszeit und wir gehen gleich zu Bett.
Montag 14.07.97
Bis
hierher sind wir jetzt 3500
Km gefahren. Es ist ein herrlicher Tag, Sonnenschein, blauer Himmel,
ein leichtes Lüftchen. Es wird beschlossen, heute
hierzubleiben. Ich miete für 50 CAN$ ein Motorboot. Die Kinder
haben das platzeigene Trampolin für sich entdeckt. Brigitte
will einen Waschtag einlegen. Handwäsche ist sofort
möglich, Waschmaschine und Trockner stehen erst ab 14:00 Uhr
zur Verfügung. Die ganze Familie fährt auf den See
zum Angeln. Siehe da, ein Fisch beißt an. Eine Barbe,
würde ich sagen, drei Kilo schwer. Das Abendbrot ist
gesichert. Anschließend fahren die Kinder alleine raus, dabei
entdeckt Ramona ihre Leidenschaft für Motorboot "brettern".
Sie kennt nur noch Vollgas. Brigitte kümmert sich um die
Wäsche. In der Zwischenzeit holen Ingo und ich Schwemmholz
für das abendliche Lagerfeuer. Am Spätnachmittag
wollen wir alle noch eine Runde mit dem Boot fahren, da beginnt es zu
regnen. Es hält nicht lange an, deshalb kann ich
anschließend das Lagerfeuer entzünden. Wir brauchen
reichlich Glut, denn der Fisch soll gegrillt werden. Schmeckt gar nicht
mal schlecht, nur viele Gräten.
Die Karten kommen auf den Tisch. Nach einer Runde Mau Mau fahren wir
doch noch einmal mit dem Boot hinaus. Da die Wellenhöhe
inzwischen zugenommen hat, die Kinder aber trotzdem mit Power fahren,
werden wir ordentlich geduscht. Um 22:00 Uhr sind wir zurück.
Das Lagerfeuer wird wieder entfacht, damit die Kinder trocknen. Ich
brauche auch von innen noch Wärme, somit gibt es
heißen Tee. Unterdessen sind Ingo und Ramona schon wieder auf
dem Trampolin.
Dienstag 15.07.97
Auf
geht es, zuerst nach Prince
George. Es ist heute bewölkt, aber gutes Reisewetter. Die
Berge sind zurückgewichen und haben hügeligem
Weideland Platz gemacht. Etliche Ranches liegen abseits des Highway.
Die kleinen Ortschaften haben sich um große
Sägewerke gruppiert. Deren Holzlagerplätze sind fast
leer, sie werden erst im Winter wieder mit mehr als eintausend
Lastwagenladungen Holz pro Tag gefüllt.
Unsere Reise ist wie eine liegende 8 geplant. Prince George ist der
Schnittpunkt. Kurz vor 13:00 Uhr erreichen wir die Stadt. Mit unserem
zweiten Aufenthalt hier, liegt die obere Schleife hinter uns. Wir
ergreifen die Gelegenheit, noch einmal einen Großeinkauf zu
tätigen. Gut versorgt und mit vollgetanktem Fahrzeug geht es
weiter Richtung Südost, dem Gebirgszug der Rocky Mountains
entgegen. Der Yellowhead Trail führt jetzt am Oberlauf des
Fraser River entlang. Mal im Talgrund, dann wieder an den
Nordhängen der Cariboo Mountains, verläuft die jetzt
wenig befahrene Straße weitgehend schnurgerade durch eine
einsame Waldlandschaft. Die Berge werden bald höher und
rücken wieder näher zusammen, wir nähern uns
den Rocky Mountains. Am Abend erreichen wir nach einer langen Steigung,
die Grenze des Mont Robson Provincial Park. Hier ist ein Rastplatz mit
einem schönen Blick auf den wolkenumkrönten,
vergletscherten Mont Robson. Mit seinen 3954 Metern ist er der
höchste Berg in den kanadischen Rocky Mountains. Er ist
berühmt wegen seiner charakteristischen Schneebänder
die sich treppenförmig in die Höhe schichten. Die
Indianer nannten ihn: „Die Spitze der spiralförmigen
Wege". Wir legen eine Fotopause ein.
Ingo soll die Mülltüte zum bärensicheren
Container bringen und kommt gar nicht wieder. Er hat einen modernen
Trapper, Fremdenführer und Lebeskünstler als
Gesprächspartner gefunden. Dieser wohnt und reist in einem
Bigfoot, einem kleinen aber auf hohen Ballonreifen rollenden Wohnwagen
mit großer Bodenfreiheit, gezogen von einem Allrad-Pickup.
Nach fünfundzwanzig Minuten rufe ich Ingo zur Weiterfahrt.
Später erzählt er von dem angenehmen und
interessanten Gespräch mit dem Fremden. Es drehte sich um
Lebensart, Politik, Steuern, ausgerottete Wölfe in Europa und
die Elchjagd in Kanada. Jetzt tut es mir leid dieses Gespräch
unterbrochen zu haben.
Regenwolken türmen sich, es wird dunkel. Wo sollen wir
übernachten? Wir bleiben auf dem Parkplatz des Visitor-Center
am Fuß des Mont Robson. Normalerweise hat man von hier einen
tollen Ausblick auf den Berg aber jetzt treibt uns starker Regen in das
Wohnmobil. Ist auch nicht so schlimm, wir haben sowieso Hunger. Es gibt
Kaiserbrötchen mit einem Durchmesser von fünfzehn
Zentimetern, belegt mit Salatblättern, Mortadella,
Käse und Tomaten. Das sind ja Supersandwiches. Bevor um 22:00
Uhr Nachtruhe einkehrt, zählt noch jemand die Tiere des
heutigen Tages auf: Einen Elch, einen Schwarzbär und einige
Rehe.
Mittwoch 16.07.97
Der
Wecker klingelt um 6:50
Uhr. Als erster springe ich aus dem Bett. Heute ist wandern angesagt.
Wir fahren ein kurzes Stück zum Parkplatz am Ausgangspunkt des
Wandertrails in das Valley of a Thousand Falls. Ein
Weg der sich um den Mont Robson in die Höhe schraubt. Feste
Schuhe werden angezogen und um 8:40 Uhr geht es los. Wir haben die
triefnasse Natur fast für uns alleine. Immer bergan
über Stock und Stein, durch Matsch und Pfützen. Neben
uns tost der Robson River zu Tal. Ingo ist begeistert. So hat er sich
Kanada vorgestellt. Er drängt mich, unbedingt Fotos von dem
Moos und den Algen in den Zweigen der Bäume aufzunehmen. Das
ist nicht so einfach, es ist zu dunkel in diesem Wald. Bei Ramona ist
die Stimmung umgekehrt. Wie meistens beim Wandern, hat sie schlechte
Laune. Ihren Frust kompensiert sie, indem sie so schnell marschiert,
daß sie uns weit hinter sich läßt. Ich
muß sie mehrmals ermahnen in unserer Nähe zu
bleiben, was ihre Laune nicht gerade bessert. Der Grund für
meine Sorge sind die Bären, was ich den anderen aber nicht
sage um sie nicht zu beunruhigen. Wir sind hier in
Bärengebiet. In den Touristinformationen wird immer wieder
darauf hingewiesen, beim Wandern Bärenglöckchen oder
Rasseldosen am Rucksack zu tragen um ein unverhofftes Zusammentreffen
auf kurzer Distanz zu vermeiden. Aber hier, neben dem rauschenden
Gletscherfluß wäre das sinnlos, er
übertönt alles. Na ja, vielleicht bin ich auch zu
ängstlich aber mir ist es lieber wir sind alle zusammen. Nach
eineinviertel Stunde und viereinhalb Kilometern haben wir den
spiegelglatten jadefarbigen Kinney Lake erreicht. Er teilt das
Blickfeld in ein spiegelbildliches Oben und Unten. Bei einem Kopfstand
würde man das gleiche Bild sehen. Nach einer Rast, bei der wir
diese Landschaft auf uns wirken lassen, geht es wieder hinunter. Jetzt
kommen uns wahre Touristenkarawanen entgegen. Menschen aller Hautfarbe.
Viele Asiaten und einige deutsche Reisegruppen sind darunter. Jetzt
kommt mir meine Sorge von heute morgen lächerlich vor. Die
Kinder legen ein enormes Tempo vor und sind bald nicht mehr zu sehen.
Einige Gehminuten vor dem Parkplatz entdecken wir eine Quelle mit
herrlichem Wasser. Vom Wohnmobil werden alle leeren Flaschen und
Kanister geholt und mit dem frischen Quellwasser gefüllt.
Als wir wieder beim Visitor-Center auf den Parkplatz fahren wollen,
erschrecken wir. Der riesige Platz ist mit Bussen, Wohnmobilen und PKW
überfüllt. Ist das der Vorgeschmack auf die anderen
Parks? Ich merke, daß der linke Blinker defekt ist. Die
Kontrolle offenbart eine defekte Glühbirne. Die erhalten wir
nur in Jasper und dahin machen wir uns auf den Weg. Links und rechts
dehnt sich jetzt Sumpfgelände und der flache Moose Lake. Nomen
est Omen, wir schauen uns die Augen aus dem Kopf um Moose, so
heißen hier Elche, zu entdecken, Fehlanzeige. Dafür
sehen wir wieder einen Schwarzbär. Die Straße steigt
jetzt zum Yellowhead Pass an, um danach stetig bis Jasper an
Höhe zu verlieren. Nicht ohne die obligatorischen Baustellen
mit langen Wartezeiten und Pilot-Car. Der Pass ist die Grenze zwischen
Britisch Columbia und Alberta, gleichzeitig auch vom Mont Robson
Provinzialpark und Jasper Nationalpark, und eine Zeitgrenze. Die Uhren
werden eine Stunde vorgestellt. Das Wetter ist sonnig mit 21°
Celsius gleich 70° Fahrenheit.
In Jasper wird getankt und die Glühbirne gekauft. Der Tacho
zeigt uns einen Stand von 40944,5 Meilen. Hier auf der Tankstelle
parken wir das Wohnmobil und schlendern zu Fuß durch die
Stadt. Der Verkehr ist enorm, der Ort wimmelt von Touristen, die
Häuser und Grünanlagen sind gepflegt, man
könnte auch in Oberstdorf oder Reit im Winkel sein. 
Auf dem Rückweg staune ich über die naturgetreue Plastik zweier Wapitis auf dem Rasen an einer Straßenkreuzung. Ein Tier ruht, das andere steht mit erhobenem Kopf in der Sonne.....bis es weitergeht. Ach du meine Güte, mit Brille wär das nicht passiert. Aber mit Wildtieren hier mitten in der Stadt hatte ich nicht gerechnet. Jetzt verstehe ich auch den Grund, warum die Blumenkästen mit Maschendraht überwölbt sind.
Kurz vor 18:00 Uhr belegen wir einen Standplatz auf dem „Wapiti" Campground, nicht weit vom Ort entfernt, am Icefields Parkway. Zum Abendessen wird ein Lachs über dem Lagerfeuer gegrillt, dabei ziehen Wapitis durch den Wald. Sie stören sich nicht im geringsten an den Campern und äsen zwischen den Wohnwagen. Anschließend wandern Brigitte und ich einmal um den Campground, das heißt wir wollten einmal herum, schaffen es aber nicht. Als es dunkel wird müssen wir abkürzen, der Platz ist einfach zu groß.
Donnerstag 17.07.1997
Heute
sind
wir wieder früh aufgestanden, denn wir haben uns ein volles
Besichtigungsprogramm zusammengestellt. Unser Ziel ist der Maligne
Lake. Kaum sind wir vor Jasper in nordöstlicher Richtung auf
den Yellowhead eingebogen, sehen wir in der Morgensonne etwa
fünfzig Wpiti-Kühe in den Au-Wiesen des
Athabasca-River. Es sind kleine Gruppen von zwei bis vier Tieren oder
Muttertiere mit ihren Jungen die dort im Gras lagern oder verstreut
zwischen den Baumgruppen stehen. Nach drei Kilometern zweigt die
Maligne Road nach rechts ab, führt über den Athabasca
um nach etwa zehn Kilometern den Maligne Canyon zu erreichen. Dieser
ist ein einzigartiger Riss im Felsgestein, zwischen einem und
fünfzehn Metern breit, sowie zehn bis dreißig Meter
tief, durch den der Fluß braust. Auf dem Fußweg,
der mal links mal rechts dem Canyon vier Kilometer folgt, wandern wir
talwärts. Von den sechs Bücken die in
regelmäßigen Abständen die Schlucht
überspannen hat man eindrucksvolle Ausblicke und Fotomotive.
Als wir auf der Weiterfahrt am Medizin Lake entlangfahren, einem See,
der keinen Abfluß zu haben scheint aber trotzdem im
Jahresverlauf starke Wasserstandsschwankungen aufweist, geraten wir in
einen Verkehrsstau. Der erste Eindruck, vorne in der Kurve sei ein
Unfall passiert, täuscht. 
Zwei Wapitihirsche, die einzigen die wir auf unserer Reise sahen, grasen wenige Meter abseits der Straße. Etwa ein halbes Hundert Touristen verstecken ihre Gesichter hinter Fotoapparaten und Videokameras. Es klickt und surrt in einer Tour, doch die beiden Geweihträger lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Bis eine Asiatin, mehrfach von ihrem Begleiter aufgefordert sich näher zum Wapiti und damit besser ins Bild zu stellen, die Straße eineinhalb Meter Richtung Hirsch verlassen hatte. Sowas gefiel diesem jetzt aber gar nicht. Der Kopf wurde gesenkt, ein kurzer Scheinangriff und in nullkommanichts standen die Touris alle wieder auf der Fahrbahn. Da gehörten sie auch hin meinte unser Prachtbursche, drehte sich um und äste weiter. Es war köstlich.
Kurz vor Mittag erreichen wir in 1670 Metern Höhe den
Maligne Lake, in einem Gebirgstal, eingefaßt von hohen
Berggipfeln. Er ist zweiundzwanzig Kilometer lang und max. zwei
Kilometer breit. Es ist sehr heiß und wir beneiden die
Jugendgruppe ein bißchen, die in zwei Schlauchbooten, beim
Seeauslauf in den Maligne River, zum Rafting startet. Auf dem See
verkehren Ausflugboote, aber die 31$ pro Person für eineinhalb
Stunden sind uns doch zu teuer. Wir schlecken Eis und
genießen Muffins bevor die Rückfahrt angetreten
wird. Unser nächstes Ziel ist der Mount Edith Cavell, mit 3363
Metern der höchste Berg in diesem Gebiet. Vom wenig
befahrenen, alten Icefields Parkway zweigt die Edith Cavell Road ab.
Fast fünfzehn Kilometer lang und in schlechtem Zustand, windet
sie sich in unzähligen Serpentinen in die Höhe. An
einigen Kehren hat man herrliche Ausblicke in das Tal und auf die
Moränenhänge. Am Straßenende wird das
Wohnmobil geparkt und wir machen uns zu Fuß auf den Weg zur
Gletscherzunge mit dem Schmelzwassersee des Edith Cavell Gletschers.
Über uns in der Felswand endet der Angel Glacier. Diese beiden
Gletscher vereinigten sich vor wenigen Jahrzehnten noch an dieser
Stelle, doch im Zuge der globalen Erwärmung ziehen sich alle
Eisfelder zurück.
Wieder unten im Tal, erreichen wir in südlicher Richtung die
Athabasca Falls. Hier stürzen die Schmelzwasser der
südlich gelegenen Gletscher in einen Felsenkessel und
fließen dann durch eine Schlucht ab. Brigitte wähnt
sich an der Chinesischen Mauer, nur Asiaten und Germans, mit einigen
Amis, bevölkern die Aussichtsplatformen um das Schauspiel zu
genießen. Wenige hunder Meter weiter erreichen wir wieder den
neuen Icefields Parkway, den Highway 93.
Es wird jetzt Zeit sich nach einem Campground umzuschauen. Der erste
ist nicht für Wohnmobile gedacht, die Waldwege sind zu schmal
und die Stellplätze zu klein. Der zweite, genannt Honeymoon
Lake, mit 35 Stellplätzen ist genau richtig.
Übernachtung 10$, mit Feuerholz 13$, natürlich wird
bei uns gekokelt. Es ist 18:00 Uhr und für heute Feierabend.
Wir haben 185 Km mehr auf dem Tacho.
Freitag, 18.07.97
Die
Nacht
war sehr kalt. Der Wecker war nicht gestellt, somit sind wir erst um
9:10 Uhr wach geworden, begrüßt von einem
Bilderbuchwetter. Nach einem ordentlichen Frühstück
rollen wir auf dem Icefields Parkway durch das
sonnenüberflutete Sunwapta Valley südwärts,
Richtung Banff Nationalpark. Die Strecke steigt stetig an, im Osten
eingerahmt von den Bergen der Maligne Range und im Westen von der
Bergkette des Columbia Icefield. Das Columbia Icefield selbst
überdeckt 325 Km² und ist die
größte Eisfläche in den Rocky Mountains.
Man schätzt die stärkste Dicke des Eises auf 365
Meter.
Als wir den Sunwapta-Pass, die Parkgrenze des Jasper und Banff
Nationalparks, erreichen, hat sich der Himmel zugezogen und es ist
empfindlich kalt geworden. Die Kälte kommt durch die Fallwinde
die vom Athabasca-Gletscher herabfließen. Wo früher
der Gletschersee war, hat man einen Parkplatz angelegt. Das Wohnmobil
wird abgestellt, warme Jacken angezogen und dann steigen wir
über Geröllhalden hinauf zum Fuß des
Gletschers. In gewissen Abständen zeigen Jahreszahlen auf
Betonsockeln an, wo die Gletscherzunge damals war. Es ist erschreckend
wie weit der Gletscher sich in den letzten 45 Jahren
zurückgezogen hat. Die globale Erwärmung ist
offensichtlich keine Theorie mehr.
Vom Visitor Center, oben an der Straße, kann man sich
für 21.5 Can$ mit Bussen weiter hinauf zum Gletscher bringen
lassen. Dort wird umgestiegen und mächtige Eismobile
kutschieren die Touristen über das Eis. Wem`s
gefällt. Wir starten unbeholfene Gehversuche auf dem tauenden
Eis der Gletscherzunge. Verdammt glatt, aber bergauf leidlich zu
bewältigen nur zurück ist es ganz schwierig. Nach
kurzer Zeit bleiben wir stehen, zu gefährlich. Ingo, der schon
50 Meter voraus ist, wird zurückgerufen, für das
obligatorische Foto. Brigitte und die Kinder setzen sich auf die Kante
einer Gletscherspalte. Ich habe den Apparat noch nicht richtig
eingestellt, als schon Protest laut wird. Das tauende Eis
durchnäßt die Hosen, das verursacht einen kalten
Pö und dreckig wird man auch noch! Na ja, aber bis die Fotos
im Kasten sind muß ausgehalten werden. Wir verlassen den
Gletscher ohne Ausrutscher und Blessuren und die „Undichten"
können im Wohnmobil die Wäsche wechseln.
Wir überqueren jetzt den 2035 Meter hohen Sunwapta Pass, der
auch die Wasserscheide zwischen dem in die Beaufort See
mündendem Athabasca River und dem in die Hudson Bay
fließenden North Saskatchewan River ist. Dieser
Fluß windet sich bald von Seite zu Seite durch das Tal,
bildet Sümpfe, Tümpel und Seen. An eine Stelle ist
die Straße auf einem Damm durch das flache Wasser
geführt. Am BowSummit and Peyto Lake wird wieder eine
Wanderung eingeschoben. Der Weg führt durch eine hochalpine
Almlandschaft mit farbenprächtigen Blumen. Ich muß
mich zusammenreißen um noch einige Dias für den
Peyto Lake aufzubewahren. Dieser See hat im nördlichen Teil
die Form eines Fuchskopfes und wieder die jadegrüne
Färbung die wir schon einige Male bei Gletscherseen beobachten
konnten.
In Lake Louise fahren wir zuerst das Visitor Centre an um uns mit Infos
zu versorgen. Dabei sehen wir den letzten Teil eines Filmes
über Grizzlis. Unter anderem wird ein PKW gezeigt, den ein
Bär zerlegt hat weil Lebensmittel darin waren. Die Feuerwehr
mit hydraulischen Rettungsscheren könnte keine bessere Arbeit
abliefern. Nachdem die Ansichtskarten gekauft sind, ist das
nächste Ziel der Moraine Lake. 
So ein sattes Türkis habe ich noch nie in der Natur gesehen, da verblassen sogar die Postkarten. Ich bin total begeistert und lasse die Kamera klicken. Zwanzig Minuten warte ich bis ein passendes Wolkenloch die Sonne auf das Wasser fallen läßt. Es ist herrlich hier.
Anschließend wollen wir zum Lake Louise mit seinem touristischen Muß, dem Hotel „Chateau Lake Louise" aber Ramona meint: „Laßt uns lieber erst einen Stellplatz reservieren." Recht hat sie, denn es sind sehr viele Touristen hier die ja alle einen Platz brauchen. Es ist aber schon zu spät, auf den Campgrounds im Stadtgebiet gibt es keine freien Stellplätze mehr. Erst vierzehn Kilometer südlich, auf dem Protection Mountain Camp, können wir unter Schwierigkeiten noch einen ergattern. Es ist kurz vor 19:00 Uhr und somit hat es keinen Sinn mehr zurückzufahren. Das Mobil wird mit Keilen waagerecht geparkt, danach Essen gekocht und gegessen. Gemütlicher Ausklang des Tages.
Samstag, 19.07.97
Nach einer
kalten Nacht, klingelt der Wecker heute um 8:00 Uhr. Ingo geht in den
Waschraum. Heute fällt ihm ein kleiner Knopf im
Türknauf auf. Er drückt mehrmals darauf herum ohne
eine Funktion zu erkennen schließlich verlässt er
den Waschraum und schlägt die Tür hinter sich zu.
Nach ihm will Ramona sich waschen und .... kann die
Waschraumtür nicht öffnen. Wir können uns
das gar nicht erklären, bis Ingo von dem Knopf
erzählt. Jetzt ist alles klar, die Tür ist von innen
verriegelt. Unser Ingo, was er nicht machen soll - zum Beispiel kleine
Knöpfe drücken oder Harz von den Bäumen
kratzen - reizt ihn ungemein. Jetzt sind wir froh über unser
Werkzeug, denn irgendwie muß das Schloß ausgebaut
werden. Das gelingt uns schließlich auch und Ramona kann sich
den Schlaf aus den Augen spülen. Wo ich schon mal dabei bin,
versuche ich auch das Harz (siehe oben) mit einem
benzingetränkten Küchentuch vom Fußboden zu
entfernen. Als auch dieses Malheur beseitigt ist, stärken wir
uns mit einem guten Frühstück.
Am späten Vormittag parken wir das Wohnmobil auf dem Parkplatz
am Johnson Creek, um eine Wanderung zu den Johnson Falls zu
unternehmen. Der Weg führt durch eine Schlucht,
ständig bergauf, streckenweise über einen Bohlensteg
an der senkrechten Felswand über dem Wasser. Der Himmel
strahlt in sattem Blau, keine Wolke behindert die Sonnenstrahlen, es
ist sehr warm. Sehr auffällig ist heute wieder die Angst der
Amerikaner vor dem Verdursten. Mehr als drei viertel der Touris
schleppt die obligatorischen Getränkebehälter mit den
vielfarbigen Limonaden mit sich herum. Dabei sind es bis zu den
Fällen nur etwa 1,1 bzw. 2 Meilen. Bis zum oberen Wasserfall
zu gehen haben wir nicht bereut, so einen wunderschönen
natürlichen Whirlpool mit türkisklarem Wasser und
Mini-Regenbogen wird man in keinem Supererlebnisbad zu sehen bekommen.
Mittags erreichen wir Banff. Zuerst wird die Gelegenheit zum dumpen
(Schmutzwassertanks entleeren) und bunkern von Frischwasser
wahrgenommen. Auch die Scheiben bekommen eine Dusche ab.
Anschließend in die Innenstadt zur Post. Pech, das Postamt
hat geschlossen, was machen wir jetzt mit unseren Postkarten?
Der Nachmittag gehört dem Sightseeing. Als erstes besuchen wir
die Aussichtspunkte über den Bow River Falls, mit der
Postkartenansicht auf das Banff Springs Hotel und den
weißschäumenden Stromschnellen davor.
Anschließend steht ein Besuch der heißen
Schwefelquellen im „Cave and Basin Centennial Centre" auf dem
Programm. Die Quellen wurden im Winter 1883 von drei
Waldläufern entdeckt, die für die
Eisenbahngesellschaft arbeiteten. Dampf stieg aus einem Loch im
Waldboden, in die frostige Luft auf. Die drei stiegen an einer schnell
gefällten Fichte durch das Loch in die Tiefe und meinten bald,
vor der Chance ihres Lebens zu stehen. Diese Entdeckung wollten sie
nutzen und ein Heilbad eröffnen. Da hatten sie aber die Macht
der Bahngesellschaft unterschätzt. Diese setzte ihren
Einfluß ein und vereinnahmte das Gebiet um die Quellen. In
dem folgenden Prozeß entschied die Jury sehr salomonisch:
Wenn zwei sich streiten und die Lage verzwickt ist, freut sich der
Staat. Die streitenden Parteien gingen leer aus, das Gebiet wurde unter
Naturschutz gestellt und es entstand der erste Nationalpark Kanadas.
Durch den Bau des heutigen Wahrzeichens von Banff, das Banff Springs
Hotel, sicherte sich die Canadian Pacific Railway aber doch noch den
wirtschaftlichen Erfolg durch die Vermarktung der Nationalpark-Idee.
Heute ist die, aus dem Jahre 1914 stammende, Badeanlage ein Museum und
nicht mehr in Betrieb. Durch einen Tunnel gelangt man in die Grotte in
der sich ein Quellbecken befindet. Ein durchdringender Geruch
durchzieht die Anlage, der bei den Außenbecken noch
penetranter wird. Er stammt vom Schwefelwasserstoff in dem
heißen Wasser. Auf Eier haben wir für einige Zeit
keinen Appetit mehr.
Zurück im Ort, lotst uns ein netter Kanadier zu einer
Tankstelle die auch Flüssiggasanlagen betankt. Er bittet Ingo,
der als Dolmetscher fungiert, sich ein bißchen mit seiner
Frau auf deutsch zu unterhalten. Es folgt das übliche,
freundliche, woher wohin warum, oh verry nice! Sie hat Vorfahren aus
Germany.
Wir verlassen diesen Touristenort mit ganzjährigem
Weihnachtsshop, auf dem Trans Canada Highway in Richtung Calgary. Bald
biegen wir aber ab und folgen dem Bow River auf der alten
Straße 1 A. Hier fährt kaum ein Auto. Nach kurzer
Zeit liegen die Rocky Mountains hinter uns. Links und rechts dehnen
sich die Hügel der Vorgebirge, voraus erstreckt sich die
wellige Prärie. Im Regenschatten der Gebirge ist das Land
trocken, baum- und strauchlos. Nur in den Flußtälern
gibt es vereinzelt Buschwerk. Die schönen Campgrounds in
malerischer Landschaft sind vorerst passè. In Cochrane,
einem Präriestädtchen, fahren wir deshalb auf einen
reizlosen „RV-Park." Dieser besteht aus einem
eingezäunten Gelände mit einem Rasenplatz in der
Mitte und RV-Boxen rings um das Areal. Es ist ein besserer Parkplatz
auf dem Hochufer des Bow River, mit Dusche inklusive
Fußpilzgefahr.
Sonntag, 20.07.97
Auf
nach
Calgary. Ramona freut sich schon auf die Shopping-Center, die
Wolkenkratzer und den Tower. Zuerst erreicht man aber, von den Rockys
kommend, das Olympia-Gelände am Stadtrand von Calgary. Man ist
hier mächtig Stolz darauf, die Olympischen Winterspiele von
1988 ausgerichtet zu haben und zeigt es auch. Der Canada Olympic Park
ist heute ein Freizeitpark, in dem die Erinnerung an das
Großereignis vermarktet wird. An der Information erhalten wir
einen kopierten Stadtplan. Mit dessen Hilfe entscheiden wir uns
für einen Parkplatz in der Nähe des Calgary Towers.
Ein Glück, daß heute Sonntag ist. An Wochentagen
hätten wir mit dem Parken doch ziemliche Probleme bekommen.
Als Erstes fahren wir mit dem Expresslift auf dem 191 Meter hohen Turm,
der als Wahrzeichen der Stadt zur Olympiade noch das höchste
Gebäude war, jetzt aber schon von Neubauten überragt
wird. 
Von seiner Aussichtsplatform hat man eine grandiose Aussicht, gerade an so einem wunderschönen Tag wie heute. Im Westen sind die Schneegipfel der Rocky Mountains zu sehen, im Osten dehnt sich die hügelige Weite der Prairie. Bis in den Dunst am Horizont erstrecken sich auch die weitläufigen Vororte mit den ein- oder zweistöckigen Eigenheimen. Hochhäuser gibt es nur im unmittelbaren Bereich des Zentrums.
Wieder unten, benutzen wir das, hoch über den
Straßen verlaufende, Fußwegenetz „Plus
15." Im Gegensatz zu Vancouver sind hier die Glaspaläste mit
ihren Büros, Banken und Shopping Malls nicht unter der Erde
sondern in 15 Fuß Höhe durch verglaste
Brücken verbunden. Dem wetterunabhängigen
Einkaufsvergnügen steht nichts im Wege, wir schauen aber nur.
Besonders angetan hat es mir der Devonian Garden im Toronto Dominian
Square. Man betritt im dritten Stock des Gebäudes einen
Botanischen Garten mit Teichen voller Goldkarpfen,
Wasserschildkröten, Brunnen und kleinen Wasserfällen.
Dieses künstliche Paradies mit über 20 000 Pflanzen
erstreckt sich vom zweiten bis zum vierten Stockwerk.
Das heutige Calgary verdankt seine Wirtschaftskraft nicht mehr alleine
der Vermarktung des Weizens und der Rinder sondern auch der
Erschließung von Öl- und Gasvorkommen in Alberta.
Deshalb besuchen wir das Energeum, ein Energiemuseum das von den
Energieunternehmen finanziert wird. Wir hatten es uns
größer vorgestellt, doch für die
Vermittlung von Basisinformationen über Lager- und
Fundstätten sowie verschiedener Fördertechniken an
Modellen und Schautafeln reichte es. Anschließend nehmen wir
wieder das Pflaster unter die Schuhe, flanieren durch die
Fußgängerzone und erreichen die Markthallen vor dem
Prince`s Island Park. Wir stärken uns mit Fish and Chips um
dann auf dem Rückweg durch das China-Haus (direkt auf einer
Straße errichtet) und Chinatown nach einiger Zeit unsere
Sightseeing Wanderung beim Wohnmobil zu beenden. Es sind 28°
Celsius.
Über die Ausfallstraße 2. South verlassen wir die
Stadt in südlicher Richtung. Die Straßen
führen jetzt, wie mit dem Lineal gezogen, durch das
hügelige Grasland. Um 19:00 Uhr ist Feierabend für
heute. Unser Standplatz ist auf einem primitiven Basiscamp, am
Flußufer in der Nähe einer Brücke. Zum
Tagesausklang wetteifern alle am Fluß beim Steinetitschen.
Nachts werde ich von einem ekelerregenden Gestank wach, es stinkt nach
Aas. Wahrscheinlich haben Kojoten ihren Bau in dem Buschwerk hinter
unserem Mobil.
Montag 21.07.97
Es
ist schon wieder 10:00 Uhr
bis es losgeht. In dem Ort Fort Macleod, einem kleinen Prairienest,
wird nach einem Telefonhäuschen Ausschau gehalten, denn wir
müssen „nach Hause telefonieren." Über
Pincher Creek, wo ein Großeinkauf fällig ist, geht
es weiter zum Waterton Lake National Park. So heißt der
„International Peace Park" auf kanadischer Seite, der
amerikanische Teil wird Glacier National Park genannt.
Im Jahre 1818 wurde hier auf dem 49. Breitengrad eine willkürliche Grenze gezogen. Sie trennt die Vereinigten Staaten im Süden von Kanada im Norden. Sie durchschneidet die einheitliche Naturlandschaft des Waterton- und Glacier-Gebietes und somit auch das damalige Rückzugsgebiet der Indianer. Die Prairie-Indianer nutzten die Passübergänge in diesem Gebiet um sich im Herbst in die schützenden Rocky-Mountains zurückzuziehen. Im Frühjahr zogen sie dann wieder in die Prairien um den Büffeln zu folgen.
Ein winziges Stück folgen wir den Spuren der
Ureinwohner. Erst mit dem Wohnmobil durch ein sanft ansteigendes Tal
bis zum Ende der Straße.
Dann
wird am Red Rock Creek entlang gewandert. Nasser und trockener,
rostroter und weißer Fels bringt starke Farbkontraste in die
vielen Grüntöne der Vegetation.
Über allem erhebt sich der rote Berggipfel des Red Rock. Die Temperatur beträgt bestimmt 30° Celsius, die Insekten sind lästig und abseits der Wege gäbe es kein Durchkommen durch diesen Urwald. Wir sind froh, nicht unsere gesamte Habe auf dem Rücken hier durchschleppen zu müssen.
Das nächste Ziel ist der Ort Waterton Townsite. Nach
der puren Natur ein Schock. Es geht hier zu wie in einer bayerischen
Touristenhochburg. Die Attraktion ist das legendäre Prince of
Wales Hotel. Es wurde 1927 von der Great Northern Railway Company
erbaut. um den Tourismus anzukurbeln, mit nachhaltigem Erfolg.
Wir drehen sofort um und finden etwa zwei Kilometer vor dem Ort ein
malerisches Fleckchen am Waterton Lake mit einem herrlichen Panorama.
Das schloßartige Prince of Wales tront auf seiner Halbinsel
im See.
Ich stürze mich in die kalten Fluten. Für drei
Minuten, dann bin ich ausgekühlt bis ins Mark. Der Rest der
Familie taucht nur eben die Füße ein. Wir machen
Picknick und nehmen dann ein Sonnenbad, das ist angenhmer.
Um 17:25 Uhr reisen wir wieder in die USA ein. Ein Grenzer in
tadelloser Uniform und militärischer Haltung verlangt unsere
Pässe und fragt uns aus. Ingo steht Rede und Antwort.
Abschließend erhält er noch ein Lob wegen seiner
Sprachkenntnisse und der Satzstellung, na das hebt doch das
Selbstbewußtsein.
Drei Kurven weiter begrüßt uns das Bergmassiv des
Chief Mountain, in den USA / Montana. Der Chief ist der heilige Berg
der Indianer.
In St. Mary sind 10 Dollar Eintritt für den Glacier NP
fällig. Unmittelbar hinter dem Parkeingang liegt der St. Mary
Campground. Zuerst wird ein Stellplatz reserviert. Auf die Tischplatte
ist ein Schild getackert: Es ist bei 25 Dollar Strafe verboten
Lebensmittel auf dem Tisch stehen zu lassen, das gilt sogar
für ein Glas Wasser. Bärengebiet.
Wenn heute die Steaks gegrillt werden sollen müssen wir das
Holz in St. Mary in einem Campingladen kaufen. Zurückfahren?
Nein, hier muß doch genügend Schwemmholz am See
liegen. Die Going-to-the-Sun Road, die interessanteste
Hochgebirgsstraße durch den Park, führt direkt am
St. Mary Lake entlang. Leider ist der Hochgebirgsteil für
größere Wohnmobile gesperrt, also auch für
uns. Die Straße ist stellenweise aus dem Fels gehauen und die
Aufbauten würden oben am Fels anecken. Bis zum Ende des Sees
dürfen wir aber, dort drehen wir auf einer Wendestelle
für größere Fahrzeuge. Wir kommen ohne Holz
zurück, kein Lagerfeuer, kein Grill. Statt dessen ziehen
Wolken auf und in der Dämmerung entlädt sich ein
krachendes, tosendes Sommergewitter. Wir legen uns schlafen.
Hier geht es zum Teil II
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