Der landschaftlich schönste Teil der Iberischen Halbinsel ist für uns zweifelsohne
Nordspanien.
Wir werden die Kathedrale in Santiago de Compostella besuchen, das Ziel der Pilger auf dem Jakobsweg.
Ein weiteres Zwischenziel ist das "Ende der Erde" wie man früher glaubte, das Cabo "Finisterre"

Von der portugiesischen- bis zur französichen Grenze.

60. Tag
Heute werden wir Portugal für diese Reise endgültig verlassen. Nach ca. 25
Kilometern können wir auf einer neuen Brücke den Mündungstrichter des RIO MINHOS
bei LOVELHE überqueren. Am nördlichen Ufer sind wir in Spanien und müssen die
Uhr wieder eine Stunde vorstellen. Aus 09:50 wird 10:50 Uhr.
Die Küstenstraße sollte nach Straßenatlas landschaftlich besonders schön sein, das ist eine glatte Fehlinformation. Wir quälen uns von Ort zu Ort fast ohne Baulücke. Nein, diese grüne Markierung in der Karte hat ihre Berechtigung bestimmt schon vor 20 Jahren verloren.

Am CABO DE UDRA wird eine Wanderpause um
das Kap eingelegt
und anschließend eine
andere Strecke aus der Karte gesucht. Auf dem direkten Weg wird SANTIAGO DE
COMPOSTELA angesteuert.
Wenige Kilometer vor der Stadt steigen Rauchwolken aus den Eukalyptuswäldern
auf der rechten Seite. Wir sehen fünf verschiedene Brandstellen innerhalb von
zwei Kilometern und einen Feuerwehrmann. Dann aber brummt das erste
Löschflugzeug heran, hoffentlich gießt es das Feuer recht schnell aus.
Nach
wenigen Minuten ist SANTIAGO erreicht, die Schilder der Touristinformation
zeigen geradeaus in die Innenstadt. Direkt vor der Altstadt hören die
Hinweisschilder auf aber es gibt absolut keine Möglichkeit das Fahrzeug irgendwo
abzustellen. So eine zugeparkte Stadt habe ich bisher kaum gesehen. Am
Ortsausgang drehe ich um und mit viel Glück finden wir in einer Seitengasse
einen Platz, das rechte Vorderrad steht kriminell weit in die Fahrbahn aber in
Spanien wird das hoffentlich toleriert.
Nach zehn Minuten Fußweg sind wir an der Pilgerkathedrale.
Mit Pilgern und Pilgergruppen treten wir in die Kühle des Gotteshauses ein. Die Pilger legen unmittelbar hinter dem Portal drei Finger an eine Säule und die Stirn an die Stirn eines steinernen Jakobus. Wenn wir mal pilgern, dann machen wir das auch so.
Jetzt schauen wir die Kirche an
und reihen uns
ein in die Menschenschlange, die hinter dem Altar aufsteigen darf, um der
goldüberzogenen Jakobusbüste die Hand auf die Schulter zu legen. Um 18:00 Uhr
beginnt eine Messe, weil wir aber so unmöglich parken, wollen wir so bald wie
möglich zurück und verzichten deshalb auf die Teilnahme.
Die nun folgende Küstenstraße zur Bucht von CARNOTA ist wieder so recht nach unserem Geschmack. An einer Ria entlang, so heißen hier die Fjorde, geht es durch Wälder und Wiesen bergauf und bergab. Galiziens Nordwesten ist grün. Das Gras ist saftig, die Hügel und Berge mit Wäldern bestanden. Zwar duftet es selten nach Pinienharz sondern fast immer nach Hustenbonbons, ganz selten mal nach einer Mischung aus beidem. Heute duftet es leider immer öfter nach Holzfeuer. Mehrere Hügel stehen in Flammen und die Wasserbomber sind ständig im Einsatz. So viele Waldbrände an einem Tag ist doch kein Zufall, ich glaube jedenfalls nicht daran. Die Temperatur betrug zwar heute über 30° Celsius, aber die Vegetation ist noch keinesfalls ausgetrocknet.
Um 20:00 Uhr spanischer Zeit, das entspricht MESZ, erreichen wir die PLAYA BOCA DO RIO in der Bucht von CARNOTA. Die Tagesgäste verlassen langsam den Strand, sodass wir einen Parkplatz in vorderster Reihe belegen können. Bis wir allerdings alleine hier stehen, dauert es noch bis 23:00 Uhr.
Die Bucht von CARNOTA
hat einen 7 Kilometer langen Sandstrand mit eingestreuten Granitbuckeln. Hinter
dem Dünenstreifen befindet sich in fast der gleichen Länge ein Lagunenstreifen
mit Marschland, der während der Flut unter Wasser gesetzt wird, um während der
Ebbe wieder leer zu laufen. Am nördlichen Ende hat das Meer durch eine
Sandnehrung einem Fluss die Mündung versperrt. Während der Flut staut sich ein
großer Süßwassersee an,
der bei ablaufendem Wasser mit starker Strömung durch einen schmalen Ausfluss im
Strand entwässert.
Die Gemeinde hat den Strandbetrieb mit Parkplätzen, einem neu
angelegten „Promenadenweg“ mit
Anpflanzungen, Wasseranschluss, Müllcontainern und einer Stranddusche
unterstützt. Dabei bleibt leider kein Platz für frei stehende Womos mehr übrig.
Nach der Abfahrt der letzten späten Gäste sichern wir uns aber einen Logenplatz und haben eine
ruhige Nacht.

61. Tag (Routenverlauf)
Die Stranddusche hat
uns gereizt. Wieder eine Möglichkeit sich von Kopf bis Fuß einzuseifen und mit
vieeel Wasser abzuspülen.
Zu so früher Tageszeit ist es hierzulande noch sehr
frisch und das Wasser ist auch nicht temperiert, sodass wir nach dem Brausebad
sehr munter sind. Beim Frühstück muss der Kaffee sehr heiß sein um uns wieder
aufzuwärmen.
Anschließend starten wir zum
CABO FINISTERRE.
So schön wie von SANTIAGO bis CARNOTA geht der Weg auch weiter. Mir gefallen
die rustikalen, trutzigen, neuerdings auch modernen Granithäuser. Diese sehen
aus wie überdimensionale
Lego-Häuser.
Die Verkleidung aus
Granitplatten ist ohne Mörtelfuge ausgeführt, so genau sind die Quader
zugeschnitten. Aber auch die alten, aus grob gebrochenen Steinen gefügten,
Häuser haben ihren Reiz. Oft sind auch sie ohne Mörtel gebaut und die Quader
sind untereinander mit Granitsplittern verkeilt.
Frisch gebrochener Granit schimmert in unterschiedlichen Farben, rosa, sandbeige, hellgrau oder dunkelgrau. Ältere Steine und Felsen haben eine rostrote bis dunkelgraue Patina und sind von verschiedenfarbigen Flechten besiedelt. Wüchse hier nicht so viel Eukalyptus, man könnte meinen durch Skandinavien zu fahren.
Von dem Ort FISTERRE bis zum Leuchtturm auf dem Kap überholen wir viele Wanderer. Erst als ich oben auf dem Kap das Muschelemblem sehe fällt mir wieder ein, dass der Jakobsweg eine Verlängerung bis FINISTERRE hat, bis zum „Ende der Erde“ wie man in alter Zeit dachte.
Etwa zwei Kilometer vor dem Leuchtturm schießt eine starke Quelle aus einer Quellwand. Wir halten an und füllen den Wassertank wieder randvoll, bevor wir zum Leuchtturm weiterfahren.

Das Meer ist heute so glatt wie der sprichwörtliche Kinderpopo. Hin und wieder kräuselt ein Windhauch die Wasseroberfläche. Während wir uns umschauen und fotografieren treffen immer mehr Wanderer hier oben ein, zum Teil sehen sie ganz schön geschafft aus.
Auf der Rückfahrt halten wir wieder auf dem Parkplatz an der Quelle, weil
hier auch ein Picknickplatz mit zwei Tischen unter einer Piniengruppe steht. Ein
schöner Platz für die Mittagspause. Als Brigitte den Kühlschrank öffnen will,
sieht sie ein kleines nasses Rinnsal. Die Suche nach dem Ursprung beginnt.
Schnell wird klar, dass es weder aus dem Kühlschrank noch aus der Spüle stammt.
Auch die Nasskabine ist nicht die Ursache. Sollte es wieder eine gelockerte
Schlauchschelle sein, wie letztes Jahr im Schwarzwald?
Es beginnt der Ausbau
des Bettes, um die Verkleidung über der Wasserversorgung entfernen zu können.
Ja, hier ist der Fußboden nass, aber keine undichte Stelle an den
Installationsleitungen festzustellen. Der Wassertank selbst gerät in Verdacht.
Vielleicht eine poröse Lötstelle oder ein Spannungsriss?
Der Tank muss raus und getestet werden, nicht ohne vorher fast hundert Liter Wasser wieder abzulassen. Dann schleppe ich den Tank zur Quelle und fülle ihn mit etwa dreißig Litern Wasser. Die verdächtigen Bodennähte und der Ablassstutzen sind dicht. Ich hebe den Tank hoch und kippe ihn auf alle Seiten ohne etwas festzustellen. Also wieder einbauen, alles anschließen und alle Schlauchschellen noch einmal fest nachziehen. Jetzt wieder Gieskanne für Gieskanne Wasser von der Quelle in den Tank transportiert. Brigitte beobachtet unterdessen alle Leitungen und lässt zwischendurch auch die Pumpe laufen. Alles trocken. Als nichts mehr hineinpasst, stelle ich die Kanne weg und schaue im hinteren Bereich, dort wo Brigitte keinen Einblick hat, und will meinen Augen nicht trauen. Es ist doch tatsächlich wieder feucht! Ich könnte mir in den Allerwertesten beißen, da hab ich den Tank ausgebaut und das Loch nicht gefunden. Mit der Taschenlampe entdecke ich dann auf halber Tankhöhe zwei feuchte Stellen an der Seite die zum Radkasten zeigt. Mit Gewebeband, so genanntem Panzertape, überklebe ich die Stelle. Weil die Finger nicht heranreichen, drehe ich einen Knebel aus Haushaltstuch und stopfe ihn in den Spalt zwischen Tank und Radkasten. Jetzt können wir nur hoffen, dass es dicht ist und bleibt.
Über vier Stunden hat das ganze Theater gedauert und viele vorbeiziehende Zuschauer hatten wir auch. Ein niederländisches Ehepaar und ein Augsburger Pilger hatten sogar Hilfe angeboten, zumindest moralische Aufbauhilfe geleistet. Jetzt hängt der Magen aber auf halb fünf und es gibt endlich Mittag.
Das nächste Etappenziel ist MUXIA mit dem Kap PUNTA DA BARCA. Dort steht unmittelbar über dem Riff neben dem Leuchtturm die Kirche NTRA. SRA. DE LA BARCA was frei übersetzt etwa „Die heilige Mutter der Schiffe“ heißt.

Im Kirchenschiff hängen wiederum
andere Schiffe, Votivschiffe die aus Dankbarkeit für die Errettung aus Seenot
oder ähnlichen Gründen gestiftet wurden.
Direkt daneben steht ein gewaltiger Granitblock mit einem hässlichen Riss von oben bis unten.
Er erinnert auch an ein Schiffsunglück, und zwar an den vor dem Kap in zwei Teile gebrochenen Tanker PRESTIGE. Dessen Ölklumpen heute noch Tag für Tag, von Arbeitern der Küstenwacht, von den Stränden gesammelt wird. Etliche Strandabschnitte sind deshalb für Besucher gesperrt.
Als Nachtplatz haben wir die PRAYA DE BALARES ausgesucht. Auf dem Weg zu dieser schönen Bucht hat doch der chinesische Verkehrsminister „ UM Lei TUNG“ zugeschlagen. Allerdings in verschärfter Form unter mithilfe des galizischen Verkehrsministers, denn erst 50 Meter vor der gesperrten Brücke steht ein „Durchfahrt Verboten“ Schild. Also selbst eine Umleitung suchen. Hat aber geklappt und über ein paar Dörfer abseits der Welt finden wir zu der gesuchten Bucht mit Strand. Das Womo steht heute Nacht auf einer Mole.
62. Tag
Unter dick verhangenem Himmel brummt das Womo wieder den Hügel
hoch, zurück nach PONTECESO. Auf kleinen, gewundenen, engen Straßen kurven wir
hinter der Küste nach CARBALLO, einer Stadt die uns den Wochenend-Einkauf in
einem nagelneuen Einkaufszentrum ermöglicht.
Auf der Weiterfahrt sehen wir
an einem großen Kreisverkehr in der Nähe der Autobahn, dass die Polizei fünf
Busse angehalten hat, die mit blau-weiß gekleideten Männern besetzt sind.
In
einem ist mächtig Stimmung, der ganze Aufbau schaukelt schon. Die spanische
Nationalmannschaft scheint heute bei der Fußball-EM ein Spiel zu bestreiten,
denn es sind nicht die einzigen Busse und Fangruppen, die wir heute noch sehen
und hören werden.
Über eine autobahnähnliche Straße, die A 6 kommen wir schnell in östlicher
Richtung voran, bis wir auf die N 634 einbiegen. Diese Straße bringt uns an die
Nordküste, durch eine Landschaft, die sehr stark an Bayern erinnert. Leider
schaut heute die Sonne nur minutenlang durch Wolkenlücken, zwischendurch regnet
es auch zweimal leicht.
In REINANTE folgen wir den Wegweisern PRAIAS, d. h.
Strände. Auf einem geteerten Feldweg, der fünf hintereinander liegende
Strandbuchten an der Steilküste zugänglich macht, klappern wir alle ab,
PRAIA
DAS CATEDRAIS, P. DE ESTEIRO, P. DAS ILLAS, P. DOS CASTROS.
Die Wahl fällt auf die
PRAIA DAS ILLAS.


Den Rest des Nachmittags klettern wir auf den Riffen aus schrägstehenden Schieferfelsen herum und schauen der auflaufenden Flut und antreibenden Tangbüscheln zu.
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