Nach längerer Segelabstinenz sind wir uns einig, für fünf Tage einen Micro-Kat zu chartern. Unsere Wahl fällt auf den Format 700 von Jürgen Peter.

Ich hatte mit dem Konstrukteur schon wiederholt telefonischen
Kontakt und nun wollen wir diesen Kat-Typ mal ausprobieren. Vor allem
interessiert mich die Segeleigenschaft des Wasserschlittens und
Brigitte ist gespannt auf den Lebensraum,
den er bietet. Sie ist da ja sehr skeptisch.
Es wird ein Termin zum zwanzigsten Juni ausgemacht, denn so ein kleiner
Kat ist ja eigentlich ein Sommergefährt.
Als wir aber dann zur Übernahme nach Kiel anreisen, gibt sich das Wetter alles andere als sommerlich. Es ist ziemlich kalt, mit böigem Wind und Regenschauern, als wir bei Familie Peter eintreffen. Nach kurzem persönlichem Kennenlernen begleitet uns Herr Peter spätabends zum Jachthafen Stickenhörn wo der Kat vertäut liegt. Es wird ein Einweisungsschlag für den nächsten Vormittag verabredet.
Es ist schon dunkel deshalb fällt das Abendbrot aus und wir richten uns jeweils in einem Rumpf ein, Brigitte im Steuerbord- ich im Backbordrumpf, und kriechen in die Schlafsäcke.
Donnertag 20. 6. 96
Brrr, war das heute Nacht kalt, 7° Celsius, jetzt hilft am schnellsten ein heißer Kaffee. Während Brigitte an der zweiflammigen Minipantry unter dem Einstieg des Steuerbordrumpfes das Frühstück vorbereitet, hole ich die Brötchen.
Um 11:00 Uhr kommt Herr Peter und weist uns in die Handhabung des Bootes ein. Anschließend segelt er mit uns hinaus zum Stollergrund. Dort haben die Wellen zum Teil weiße Kämme. Bei 5 Beaufort und entsprechendem Kurs beschleunigt der Kat auf geschätzte 11 - 12 Knoten. Wir fühlen uns völlig sicher. Die Demonstration ist für uns sehr wertvoll, wir wissen jetzt, was das Boot wegsteckt Auf der Rückfahrt pausieren wir im Olympiahafen Schilksee und schauen uns die Vorbereitungen für die Kieler Woche an. Kurzzeitig lugt die Sonne durch Wolkenlücken, aber die Temperatur steigt trotzdem nicht über 13°.
Freitag 21.6.96
Heute Nacht waren wir auf der einen Meter breiten Koje des Bb-Rumpfes zusammengekrochen, so sind die sibirischen Temperaturen besser zu ertragen.
Inzwischen hat der Wind noch zugelegt, Schauerböen. Wir haben Raumwindkurs aus der Förde und setzen deshalb nur die Fock. Nach einigen Minuten bemerken wir einen Riß im Achterliek und müssen zurück. Das Aufkreuzen gestaltet sich sehr schwierig.
Der Eigner schlägt vor, nach Schilksee zu segeln und
das Segel beim dortigen Segelmacher reparieren zu lassen. Gesagt,
getan. Beim Marinestützpunkt werden wir mit Salut
begrüßt und sind sehr überrascht
über diese Ehre, bis wir erschrocken zusammenfahren, als
hinter unserem Rücken das Wummern von einem amerikanischen
Zerstörer erwidert wird. Na ja, hätte man sich auch
denken können.
Das Bild der Kadetten in Reih und Glied, aufgestellt auf allen Decks,
entschädigt aber.
Im Olympiahafen haben wir noch einmal Gelegenheit, die regen Vorbereitungen der anreisenden Crews zu beobachten. Am Last- sowie am Takelkran ist Fließbandarbeit angesagt.
Um 17:00 Uhr bekommen wir das Segel zurück und legen
eine dreiviertel Stunde später ab.
Unter einmal gerefftem Groß und Fock haben wir einen Ritt bis
zur Schlei, der unbeschreiblich ist. Der Kat springt sehr leicht an und
jede kleinste Böe wird sofort in höhere
Geschwindigkeit umgesetzt. Wir sitzen in dem kleinen Cockpit des
Luvrumpfes und müssen uns festhalten, um nicht nach hinten zu
fallen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das Boot hat keine Neigung
zu unterschneiden, im Gegenteil, wie ein Wasserskiläufer hebt
es die Büge heraus und surft auf der hinteren
Rumpfhälfte. Trotzdem kommt es vor, daß der eine
oder andere Bug in eine Welle rammt oder unpassend getroffen wird. Dann
ist hinten eine Schwalldusche angesagt. Vor der Eckernförder
Bucht fahre ich die Großschot aus der Hand, das scheint mir
doch sicherer.
Um 20:00 Uhr laufen wir in die Schlei ein. Von der Kieler Förde / Lt. Bülk bis Lt. Schleimünde waren es 1 Stunde und 45 Minuten. Die Leinen belegen wir im Ruderverein Kappeln zwischen Steg und Ufer auf 60 Zentimeter Wassertiefe.
Samstag 22.6.96
Die Aufteilung bleibt so, daß wir im Bb-Rumpf
schlafen und im Stb-Rumpf wohnen.
Nach dem Frühstück motoren wir zur Brücke um
den Reservekanister für unseren Außenborder
aufzufüllen. Dann geht es los.
Das heutige Ziel ist Sønderborg. Da der Wind recht gedreht hat und nordwestlich kommt, ist der Kurs heute nicht so ideal. Man muß sich entscheiden zwischen "hoch am Wind" mit entsprechender Abdrift oder "schnellsegeln" mit dem längeren Weg. Als Kat-Neuling hat man in beiden Fällen schnell übertrieben.
Die Wartezeit vor der Hubbrücke in Sønderborg wird für einen Imbiß genutzt. Im Als-Sund ist es unser Ehrgeiz, möglichst ohne Holebug auszukommen, was uns bei hoher Konzentration und ausnutzen der kleinsten Winddrehern auch gelingt.
Der Anker fällt kurz vor der Einmündung in den Als-Fjord, in Lee des bewaldeten Höhenzuges, auf flachem verkrautetem Sand. Drehschwert und Ruder sind hochgeholt und das Boot schwojt so dicht an das Ufer, daß man mit aufgekrempelten Hosenbeinen in den Wald marschieren könnte. Es ist uns aber viel zu kalt, dabei freuten wir uns auf einen Sommertoern.
Sonntag 23.6.96
Nach ruhiger Nacht segeln wir bei bedecktem Himmel, aber gutem
Segelwind, in den Als-Fjord. Den müssen wir bis zu seinem
Nordausgang aufkreuzen. Wir haben ein viel besseres Gefühl
für den Kat bekommen und kreuzen besser als in den letzten
Tagen. Die Mischung zwischen Geschwindigkeit und Höhe ist
optimaler.
Wesentlich größere Schiffe bleiben hinter uns, nur
eine große Yacht hat die gleiche Geschwindigkeit nach Luv.
Sie hat den Vorteil sehr hoch am Wind laufen zu können, der
Kat hat dagegen die Geschwindigkeit und den geringen Tiefgang auf
seiner Seite.
Bei einer der vielen Wenden versagt der Sprengring aus der Bb-Winsch. Der Ring, Innenachtkant sowie Trommel fliegen von der Achse. Die Trommel wird noch einen Moment von den Törns der Schot gehalten und bevor sie sich herausdreht, haben wir sie. Der Rest verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Fjord und die Winsch ist jetzt unbrauchbar.
Nördlich Als liegt Ostkurs an, denn die Insel soll
umrundet werden und dann geht es Richtung Kieler Bucht.
Die Sonne kommt manchmal hervor und die Segelei kommt unseren
Vorstellungen sehr nahe, wenn da nicht die Kellertemperaturen
wären. Deshalb räkel ich mich auch nicht in der
Badehose auf dem Trampolin, sondern in Faserpelz, Windjacke und Kapuze.
Die Strecke zieht sich und der Wind ist in der Abdeckung der Insel auch
nicht so kräftig.
Erst im freien Seeraum vor der Flensburger Bucht trifft uns der Wind
ungehindert und das Bockspringen über die
Wellenrücken beginnt wieder. Dabei sind die Bootsbewegungen
nicht hart oder ruckartig. Meine Bandscheiben haben jedenfalls nicht
protestiert, obwohl das Sechshundert-Kg Leichtgewicht oftmals ganz
schöne Sätze macht. An die fehlende Krängung
haben wir uns ja mittlerweile schon gewöhnt. Im Lee der
Schleswig Holsteinischen Küste beruhigt sich dann alles wieder.
Weil wir beide nach ca. neun Stunden doch wieder sehr ausgekühlt sind, wird beschlossen, Damp anzulaufen.
Um die steifen Knochen etwas gelenkiger zu machen wird erst einmal um die Marina gejoggt. (Das Toilettenhaus steht auf der anderen Seite.)
Montag 24.6.96
Heute morgen haben wir bei Hochnebel nur sehr leichten,
achterlichen Wind auf unserem Kurs in Richtung Kieler Förde.
Erstmalig wird vor dem Wind gekreuzt und siehe da, es bringt was.
Erstens Spaß und zweitens höhere Geschwindigkeit.
Später begegnen uns die Regattafelder der Tornados,
505er, Hobies und 470er auf Gegenkurs. Der Versuch den Regatten
auszuweichen gelingt nicht ganz und am Ausgang der Förde
wimmelt es von Wasserfahrzeugen aller Art, vom Angelkahn bis zum
Marinekreuzer, von der Jolle bis zum Windjammer. Wir wimmeln mit. Bei
mittlerweile blauem Himmel und Sonnenschein zieht der Kat seine Bahnen
-wobei man die Augen überall haben muß- bis die Uhr
mahnt, den Kurs auf Stikenhörn zu legen.
Passend zur Kaffeezeit, bei schönstem Wetter, geben wir den
Format 700 wieder zurück.
Abgesehen von der Wiedergutmachungsgeste des Wettergottes in den letzten Stunden, war es ein sehr kalter, aber seglerisch interessanter Toern auf einem bemerkenswerten Boot.
Technische Daten des Micro-Kat
Typ: Format 700
Länge: 7,10 m
Breite: 4,62 m
B-Rümpfe: 1,12 m
Tiefgang: min 0,25 max. 1,30 m
Innenhöhe: 1,50
Gewicht: 580 kg
Segelfläche: 24,5 qm
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